flaschenpost #187: what remains of okami

Flaschenpost #187: What Remains of Okami

Jörg Luibl | 13.03.2026 | 4 Min.

0:00
0:00

Flaschenpost #187: What Remains of Okami

Vielleicht solltet ihr diese Flaschenpost nicht öffnen. Wer möchte schon kurz vor dem Wochenende eine Geschichte über Trauer hören? Das braucht kein Mensch, zumal es in dieser fast schon dystopischen Gegenwart ohnehin schwer genug ist, sich die positiven Ausblicke und Inseln der Faszination zu bewahren.

Und mit Spielvertiefung will ich ja in erster Linie diese schönen Orte ansteuern. Also hört lieber nächste Woche wieder rein, zumal es heute weder Nachrichten noch Ausblicke gibt …

Mein innerer Kompass ist aktuell jedenfalls nicht stabil genug für Empfehlungen, denn Okami ist im Alter von 16 Jahren gestorben. Obwohl wir schon seit einigen Wochen wussten, dass sie nicht mehr viel Zeit hat, und uns irgendwie einredeten, dass uns der Abschied nach Snorri leichter fallen könnte, war es natürlich genauso schlimm. Also weinten wir, gingen spazieren und sprachen über diese verdammt schöne Zeit mit ihr.

Ich teile das nur deshalb, weil dieses Magazin vor fünf Jahren mit zwei Schiffskatzen an Bord gestartet ist. Sie waren mehr als Glücksbringer, ein wichtiger Teil unserer Familie und für mich eine große mentale Hilfe. Einige Ideen und Texte sind sogar direkt von ihnen inspiriert. Von unserem Kater Snorri habe ich mich vor drei Jahren in einer Flaschenpost verabschieden müssen, diese widme ich also Okami.

Sie kam 2010 als erste Katze zu uns, kurz nachdem die europäische Version von Demon's Souls erschien. Ich erinnere mich daran, weil sie als junger Rabauke sehr oft neben mir auf der Couch oder auf meinen Schultern rumtobte, während ich irgendwie versuchte lebendig durch die Stonefang Tunnel zu kommen. Und hätte der berühmte Cat Ring nicht nur das Bild, sondern auch den Namen einer Hauskatze gezeigt, hätten wir sie vielleicht danach benannt.

Aber dass sie Okami heißt, war überraschend schnell klar. Ich weiß noch, dass wir nach einem Namen mit Vokalen und hellem Klang am Ende suchten, weil das laut Experten akustisch ideal sei. Meine jüngere Tochter hatte Okami von den Clover Studios gerade auf Wii durchgespielt, wir mochten Japan ohnehin, also wurde diese dunkelbraune Ragdoll nach dem weißen Wolf eines Videospiels und der Sonnengöttin Amaterasu-ō-mi-kami benannt.

Natürlich war sie sich ihrer außerirdischen Schönheit bewusst, also wurde unsere Wohnung ihr Tempel und ich einer ihrer Diener im Diesseits der Köstlichkeiten, Kratzbäume und Krauleinlagen. Wie das genau mit dem Jenseits abläuft, weiß ich als Agnostiker nicht, aber Okami ist irgendwie noch anwesend. Egal wohin ich heute morgen geschaut habe, wirkte die Gegenwart einfach nicht so klar wie sonst und ich sah sie vor mir.

Ich fühlte mich wie in meinem eigenen, leicht unheimlichen Storytelling-Adventure über Familie und Tod. Das fing schon beim Aufwachen im Schlafzimmer mit dem Miauen an, ging mit dem Gang durch den Flur ins Bad und dem Kratzgeräusch bis zum Kaffee in der Küche weiter: überall hörte und sah ich Okami. Sie spazierte zwar nicht wie ein geisterhaftes Wesen vor mir, sonst wäre ich vermutlich sofort Shintoist geworden.

Aber sie tauchte immer wieder so fassbar vor mir auf, als hätte sie tatsächlich Spuren im Raum hinterlassen. Wenn man so lange mit einem Haustier zusammen lebt, und der ganze Tagesrhythmus bis zum Schlafengehen klaren Ritualen folgt, von der Reinigung über das Spiel bis zu den Mahlzeiten, von der von der Katze definierten Nähe sowie Distanz, dann wird das Zuhause vielleicht auch zu einem anderen, nicht ganz normalen Ort.

Wie ein Schiff, das mit einer wunderbaren Außerirdischen zwischen den Welten segelt. Nur fühlt es sich gerade so an, als würden Wind und Seele fehlen, als würde man in geisterhafter Stille ohne Besatzung wie ein Roboter seiner Routine folgen. Denn jetzt dominiert diese schmerzhafte Traurigkeit.

Aber ich weiß auch, dass all die positiven Erinnerungen an und die Geschichten über Okami auf lange Sicht stärker sind.

Und ich bin einfach sehr dankbar, dass ich sie kennen lernen durfte.

Jörg Luibl