Erkundung
Schatzkiste: Fiebertraum (Roman)
Im Bereich Schatzkiste möchte ich alles Wertvolle an Video- & Brettspielen sowie Büchern und Comics erwähnen, das ich zu meinen zeitlosen Favoriten zähle. Mit diesem Artikel gibt es jetzt 55 Einträge und je mehr folgen, desto interessanter wird das vielleicht zum Stöbern. Ihr könnt dort auch nach den vier Kategorien filtern und mehrere auswählen.
Nachdem mit Android: Netrunner kürzlich ein Sammelkartenspiel hinzu kam, folgt jetzt ein herausragender Vampir-Roman von G.R.R. Martin. Das letzte Mal, dass ich einem Blutsauger begegnet bin, war im Remaster von The Elder Scrolls IV: Oblivion auf der PS5: Nachdem ich als Dieb nahezu jeden Auftrag erledigt hatte, war ich ein wenig für die Dunkle Bruderschaft unterwegs. Irgendwann kam einer ihrer bleichen Assassinen namens Vicente Valtieri auf mich zu und fragte, ob er mir ein “dunkles Geschenk” machen dürfte.
Ich wusste natürlich schon, dass er mich verwandeln will und lehnte ab. Diesen Vorteil hat der bärbeißige Flusskapitän Abner Marsh nicht, als er im Jahr 1857 das ebenso seltsame wie lukrative Angebot eines Aristokraten namens Joshua York annimmt. Der will nicht nur in sein bankrottes Unternehmen investieren, sondern sogar das schnellste Dampfradschiff bauen, das je über den Mississippi geschippert ist.
Tja, da kann selbst der misstrauische Kapitän nicht widerstehen, der sich zwar über den exzentrischen Mann wundert, aber plötzlich die Chance seines Lebens erhält. Als Gegenleistung verlangt dieser Joshua York lediglich, dass man keine Fragen über seine Gäste stellt. Das ist doch ein guter Deal, denn Abner will nur am Steuer stehen. Also schlägt er ein, das prächtige Schiff wird gebaut und auf Fiebertraum getauft.
Bis hierher mag sich das wie ein leidlich interessanter historischer Roman anhören. Aber George R.R. Martin macht daraus nicht weniger als die beste moderne Vampirgeschichte nach Bram Stokers Dracula. Und das sage ich, obwohl ich die Chronik der Vampire von Anne Rice sehr schätze. Doch Martin wandelt den Mythos rund um das Wesen der Blutsauger auf noch kreativere Art ab und erzählt wesentlich prägnanter.
Ich werde auf die vampirischen Einzelheiten nicht eingehen, aber die Geschichte und die Eigenheiten dieses Nachtvolks dürften auch für Rollenspieler sehr interessant sein. Sobald die Fiebertraum unterwegs ist und illustre Gäste aufnimmt, öffnet Martin den Vorhang und man fühlt sich schnell mittendrin. Man kann quasi nach wenigen Seiten den Mississippi rauschen hören und die Figuren wie in einem Film vor sich sehen.
Und bei der Beschreibung des üppigen Frühstücks von Abner, immerhin ein 300 Pfund schwerer Hüne, lief mir meist das Wasser im Mund zusammen. Er bildet mit seinem aufbrausenden Charakter, seinem grobschlächtigen Äußeren und seinem Slang einen Kontrapunkt zum eleganten und gebildeten Joshua, der schonmal ein Gedicht von Lord Byron zitiert.
Gerade deshalb entsteht eine interessante Beziehung zwischen den beiden, die über das Geschäftliche hinaus geht. Trotz der Klassenunterschiede erkennt man gewisse Gemeinsamkeiten und so einfach gestrickt Abner manchmal wirken mag, ist er gleichzeitig ein sympathischer Träumer, und macht sich, auch durch Joshua angeregt, immer mehr Gedanken – nicht nur über die seltsamen Gäste seines Gönners.
Martin lässt sich Zeit mit dem blutigen Tanz, deutet Unheimliches an, spielt geschickt mit Zwischenfällen und Erwartungen, bevor Gewalt und Terror eskalieren. Beidem begegnet man schon früher im amerikanischen Süden rund um New Orleans, Tennessee & Co. In markanten Szenen werden die sozialen Hierarchien, der Rassismus sowie die brutale Sklaverei dargestellt, die auch für Abner zum Alltag gehört. Doch er reflektiert selbstkritisch über seine Haltung. In einem Gespräch mit seinem Koch Toby sagt er:
“Du weißt, dass ich für die Sklaverei noch nie viel übrig hatte, auch wenn ich niemals etwas dagegen unternommen habe. Ich hätte es sicher getan, aber diese verdammten Abolitionisten rannten nur mit der Bibel in der Hand herum. In letzter Zeit habe darüber ziemlich oft nachgedacht, und mir scheint, als hätten sie am Ende doch Recht. Man darf einfach nicht hingehen – und andere Menschen benutzen, als wären sie überhaupt keine Menschen. (…) Früher oder später muss damit Schluss sein. Wäre zwar besser, wenn das Ende friedlich wäre, aber es muss aufhören, auch wenn es mit Feuer und Blut geschehen sollte. (…) Wahrscheinlich ist es genau das, was die Abolitionisten die ganze Zeit predigen. Man versucht dauernd, vernünftig zu sein, das ist auch richtig so, aber wenn man damit nicht weiter kommt, dann muss man bereit sein, mit anderen Mitteln zu kämpfen. Es gibt Dinge, die sind ganz einfach falsch. Und die muss man dann abstellen.”
Das Schöne an diesen Gedanken aus Kapitel 17 ist auch, dass sie auf dem Weg ins Finale von Kapitel 34 bis hin zum Epilog nachhallen. Es gäbe noch viel mehr, über das man sprechen könnte. Auf jeden Fall gehört Fiebertraum zu den wenigen Romanen der Phantastik, die ich schon dreimal gelesen habe.
Das englische Original Fevre Dream aus dem Jahr 1982 wurde erstmals 1991 von Michael Kubiak im Heyne-Verlag als Fiebertraum ins Deutsche übersetzt und 2008 neu aufgelegt. Ich habe mir darüber hinaus die gebundene Version namens Dead Man River vom FanPro-Verlag aus dem Jahr 2006 geholt. Überraschender Weise gibt es noch keine Verfilmung, aber 2011 wurde die Geschichte von Daniel Abraham und Rafa Lopez als Comic illustriert, der 2014 und 2015 in zwei Bänden auf Deutsch bei Panini veröffentlicht wurde. Ich halte ihn für nicht mehr als solide und empfehle ganz dringend den Roman.

Ich heiße Jörg Luibl, bin freier Journalist und biete mit Spielvertiefung seit November 2021 ein unabhängiges Magazin an, in dem die Kultur und nicht der Klick relevant ist. Ich arbeite alleine und verzichte komplett auf Werbung, Kooperationen sowie über KI erstellte Inhalte. Diese Alternative zum Reichweiten-Journalismus ist nur dank der Unterstützer über Steady möglich. Vielen Dank an alle Abonnenten!












1 Kommentar
Das klingt interessant! Da ich mich gerade mit meinen Vampiren in Mailand rumtreibe (Teburu – VTM Milan Uprising), könnte die Lektüre genau die richtige sein.