Flaschenpost #191: Die Maschine rattert
Ahoi Abenteurer,
was passiert eigentlich, wenn die Maschine still steht? Also nicht die mit dem Kaffee, sondern dieser allumfassende digitale Körper, diese Gebärmutter aus Daten, mit der meine Generation zwar nicht aufgewachsen ist, aber mit der man so eng verkabelt ist, dass es sich wie eine unverzichtbare Blutbahn in Hirn und Herz anfühlt. Selbst die Bits und Bytes aus dem Himmel scheinen alternativlos.
Keine Bange: Ich erspare euch geopolitische oder apokalyptische Prognosen, denn mir geht es weder um atlantische Tiefseekabel oder globale Cyberkriege noch um den Untergang unserer Spezies. Zumal ich ja gerade eine überaus datenreiche neue Webseite gestartet habe, also kann die Apokalypse bitte noch ein paar Jahre warten, gerne bis nach der Rente oder zumindest bis zum nächsten vernünftigen Spiel von FromSoftware.
Ich hab mich einfach nur gefragt, wie sich der Alltag wohl anfühlen würde, wenn man nicht mehr an alles angestöpselt wäre. Klar, man macht am Wochenende mal das Smartphone oder sogar alle Geräte aus. Man lässt im Urlaub die Konsolen zuhause. Dann gibt es so etwas wie digitale Entgiftung. Oder man packt seine sieben Sachen und versucht sich als tapferes analoges Schneiderlein auf dem Lande.
Aber da sind ja auch die Maschinen. Also nicht nur die für Gülle, sondern die für Effizienz und Ertrag. Und nicht nur der Bauer, auch der Jäger und Sammler läuft unter einer digitalen Kuppel. Was ich damit sagen will: Aus der Nummer, die wir alle so eifrig mit dem piepsenden Modem gewählt haben, als das Internet Anfang der 90er kommerziell wurde, kommen wir irgendwie nicht mehr raus.
Ich wollte als Spielkind der 80er auch sehr gerne da rein, so ist es nicht. Außerdem gewöhnt man sich so schnell an alles, was Spaß macht und einem das Leben mit Drag, Drop und Klick erleichtert. Was dabei so runterfällt, wie man sich an Abläufe und Algorithmen anpasst, bemerkt man kaum. Doch als ich kürzlich Die Maschine steht still von E.M. Forster las, war das fast wie ein unheimlicher Spiegel.
Diese Kurzgeschichte ist tatsächlich im Jahr 1909 das erste Mal veröffentlicht worden. Und sie unterstreicht mal wieder auf wunderbare Art, wie prophetisch Science-Fiction sein kann. In klarer und präziser Sprache wird eine Zukunft mit einem Internet skizziert, in der Menschen alles von der Maschine auf Knopfdruck geliefert bekommen, aber den Blick auf die Erde und das Menschliche verlieren.
Sie sitzen in elektrischen Bienenwaben wie heutzutage Influencer vor der Kamera, werden gefüttert und umsorgt, aber trauen sich nicht mehr an die Oberfläche und meiden selbst den Kontakt mit ihren Kindern, während eine neue Religion rund um die Maschine entsteht, die das Leben langsam in Anweisungen und Abhängigkeiten erstickt.
Wer dem entfliehen will, muss sich gefangen fühlen, mutig sein, Gesetze brechen und das Abenteuer in der Freiheit suchen. Am Ende der Lektüre musste ich lächeln und die Kabel meiner Maschine verloren an Gewicht, denn der Held der Geschichte und Videospieler haben doch so einiges gemeinsam.
Ich wünsche lange Spielzeit und angenehme Bosse
Jörg Luibl
PS: Diese Flaschenpost erreicht euch heute leider so spät, weil ich bis vorhin versucht habe, eine vernünftige Tonspur dafür aufzunehmen. Aber irgendwie ist der Wurm im Mikro, jedenfalls rattert und hallt es nur seltsam, also liefer ich die Hörversion dieser Flaschenpost (hoffentlich bald) nach.
AKTUELLES
Thick as Thieves am 20. Mai 2026 für PC, PS5 und XBS: In der Stealth-Action von Warren Spector und OtherSide Entertainment geht es um Raubzüge einer Diebesgilde in der fiktiven schottischen Stadt Kilcairn zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dort treffen Magie und Technologie aufeinander, was sich auch in den teils skurrilen Werkzeugen der zwei wählbaren Diebe zeigt, die jeweils exklusive Fähigkeiten besitzen. Um die Beute zu stibitzen muss man nicht nur klassisch im Schatten bleiben, Schlösser knacken und Wachen ausknocken, sondern kann z.B. Schalter in der Ferne mit einer Fee bedienen oder mit Schleimsaft elektrische Geräte kurzschließen. Man wird in der Kampagne alleine oder online zu zweit aus der Egosicht losziehen können.
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Prove You’re Human angekündigt: Letztes Jahr konnte das Science-Fiction-Adventure 1000xRESIST nicht nur Ben erzählerisch begeistern und wartet in meinem Schleppnetz. Jetzt haben die Entwickler von Sunset Visor ein weiteres futuristisches Abenteuer für den PC präsentiert, in dem es inkl. kleiner CAPTCHA-Bilder-Rätsel und reichlich philosophischer Gedanken um die Grenzen zwischen Mensch und KI geht. Ähnlich wie in der TV-Serie Severance steuert man eine Arbeits-Kopie der eigenen Persönlichkeit, die in einer virtuellen Welt ein neues KI-Modell namens Mesa testen soll. Ziel ist es, diese KI davon zu überzeugen, dass sie kein Mensch ist. Die Kulisse macht einen großen Sprung nach vorne, zumindest spielt sich alles in Egosicht und 3D ab, wobei sowohl die authentische Realität des Spielers in seinem Körper als auch die leicht surreale digitale Welt dargestellt wird.
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Chef von Dell warnt vor Hardware-Krise durch KI-Wachstum: Weltweit steigen bekanntlich die Preise für Grafikchips, Speicherbausteine & Co, so dass Sony kürzlich die PS5 um 100 Euro verteuerte. Das soll laut Michael Dell erst der Anfang sein, denn auf seinem Vortrag sprach der Geschäftsführer des amerikanischen PC-Herstellers davon, dass die Nachfrage nach Speicher aka RAM in naher Zukunft um das "625-fache" steigen würde. Grund dafür seien u.a. KI-Großbauarbeiten, denn viele Systeme und Rechenzentren befinden sich gerade erst im Aufbau. Laut PC Gamer hat er mit dieser Zahl wohl übertrieben, aber über das Hundertfache soll der Bedarf in naher Zukunft steigen.
THEMEN AN BORD
Rezension: Tainted Grail: The Fall of Avalon (PC, PS5, XBS)
Wer à la The Elder Scrolls losziehen will, sollte sich das Action-Rollenspiel der polnischen Entwickler Questline und Awaken Realms ansehen, das auf Grundlage von Unity und eines Brettspiels entstanden ist.
Game Studies: Ein Artus-Roman und Elden Ring
Was hat das mittelalterliche Versepos über den Artusritter Wigalois mit Elden Ring zu tun? Überraschend viel, wie Thomas Müller in einem Aufsatz darlegt.
Kreuzfeuer: Die Spielebranche von Januar bis März 2026
In der Pilotfolge geht es mit Eike um Highguard, Resident Evil Requiem und Crimson Desert, um Nvidia und die umstrittene KI-Bildoptimierung sowie um die kritisch diskutierten Strategien von Microsoft und Sony.
AUSGUCK
Drei Themen in Planung (mehr unter Kurs):
Spielvertiefung: Feintuning am Redesign
Rezension: Pragmata (PC, PS5, XBS)
Rezension: Sorcery (Sammelkartenspiel)
Drei Spiele im Kielwasser (mehr in der Vorschau April):
Darwin’s Paradox (PC, PS5, XBS, SW2), 02.04.
Starfield (PS5), 07.04.
TR-49 (SW/2), 07.04.
Drei Spiele in Sichtweite (mehr in der Vorschau April):
Cthulhu: The Cosmic Abyss (PC, PS5, XBS), 16.04.
Mouse: P.I. For Hire (PC, PS5, XBS, SW2), 16.04.
Pragmata (PC, PS5, XBS), 17.04.
ZITAT
„Wenn du gezwungen werden sollst, an der Ungerechtigkeit gegen einen anderen mitzuwirken, dann brich das Gesetz! Laß dein Leben einen Reibungswiderstand sein, der die Maschine zum Stehen bringt.“
(Henry David Thoreau, amerikanischer Schriftsteller)
