Art
Roman
Genre
Science-Fiction
Autor
Jack McDevitt (2007)

Die Suche

Fazit

Als ich 2007 das erste Mal “Die Suche” von Jack McDevitt las, kannte ich den emsigen Autoren aus Philadelphia nicht. Und das seltsam komponierte Bild auf dem Taschenbuch mit dieser Sonde vor einem roten Planeten samt Turm lockte mich überhaupt nicht an. Als ich später die deutlich bessere Illustration der amerikanischen Ausgabe sah, bestätigte sich mal wieder, dass deutsche Verlage der Phantastik mit ihren Covern fast nie meinen ästhetischen Nerv treffen.

Trotzdem bin ich Bastei-Lübbe und der Übersetzerin Frauke Meier dankbar, dass sie diesen Schatz der Science-Fiction hierzulande veröffentlicht haben, in dem der Antiquitätenhändler Alex Benedict zusammen mit seiner Assistentin Chase tatsächlich von einer uralten Tasse auf eine detektivische Odyssee durchs All gelockt wird. Denn obwohl sie unscheinbar aussieht, deuten ihre Verzierungen auf ein verschollenes Raumschiff namens Seeker und eine alte Legende über eine Kolonie, über die man heutzutage nur noch schmunzelt.

Alex und Chase interessieren sich als Händler mit Sinn für pragmatische Wertschätzung erstmal dafür, ob diese Tasse tatsächlich an Bord des Raumschiffs war, wie sie ihren Weg in das Regal einer Familie fand, wo sie über Jahre verstaubte, und was sie wohl wert sein könnte. In dieser Phase der Recherche lernt man die beiden sowie ihre Gesellschaft kennen, in der sie einen guten Namen haben, aber in der es natürlich Konkurrenten und missbilligende Töne von Seiten der Archäologen gibt, die den Handel mit Artefakten ablehnen.

McDevitt erzählt auf eine angenehm bedächtige, sprachlich einfache und nichtsdestotrotz fesselnde Art. Zu seinen Stärken gehört, dass er Charaktere und Beziehungen ebenso gut beschreiben wie langsam Stimmung und Spannung aufbauen kann. Und das passt sehr gut zu dieser vergleichsweise stillen Welt des 27. Jahrhunderts, in der eher politische Vernunft statt kriegerisches Chaos, kulturelles Geheimnis statt technologische Wunderwerke im Vordergrund stehen.

Der Mensch hat zwar längst andere Planeten kolonisiert und Kontakt zu einer anderen Spezies, aber ähnlich wie in der Low Fantasy geht es hier um Low Science Fiction, die sich mit Spektakel eher zurückhält und vieles verschleiert. Es geht also nicht um galaktische Kriege und tyrannische Imperatoren, das ewige Leben oder das große Geheimnis eines bedrohten Universums, sondern eher um einen Abenteuer-Krimi, in dem die Geschichte und Kultur eines seit Jahrhunderten von Menschen besiedelten Universums viele Spuren hinterlassen hat.

Gerade deshalb kann hier eine andere Art von Sense of Wonder entstehen, der sich langsam über natürlich wirkende Beziehungen und eine glaubwürdige Gesellschaft sowie Technologie aufbaut, bevor eine Spur im Kleinen zur Überraschung im Großen führt. Wie Detektive suchen die beiden nach Verbindungen, wobei die meisten im Sande verlaufen. Dabei sprechen sie auch mit längst Verstorbenen, denn im 27. Jahrhundert simuliert KI jede bekannte Persönlichkeit, die als Hologramm mit Persönlichkeit und all ihrem Wissen den Raum betritt. So ergeben sich natürlich ganz andere Möglichkeiten für die Recherche.

Trotzdem gehört dazu jede Menge klassische Reise- und Laufarbeit. Wie beiläufig reist man mit Chase von Stadt zu Stadt, von Planet zu Planet, während ihre Beziehung zu Alex sowie relevante Charaktere immer greifbarer werden und erste Zwischenfälle darauf hindeuten, dass diese Tasse auch für andere Leute interessant ist. Und so muss Chase auf der Suche nach der Seeker eher unfreiwillig in das Reich der außerirdischen Telepathen reisen, die für Menschen visuell kaum erträglich sind, jeden unserer Gedanken lesen, aber selbst nicht sprechen können.

Hier entsteht im Verlauf dieses “Erstkontakts” von Chase dieser kulturelle Sense of Wonder, denn man kann auf jeder Seite nachvollziehen, wie unwohl sie sich in dieser fremden Umgebung fühlt, während man als Leser gleichzeitig alles fasziniert an Verhalten und Reaktionen aufnimmt. Wenn sie z.B. im öffentlichen Nahverkehr von allen Seiten beobachtet wird oder in einem Restaurant sitzt, das nicht auf menschliche Nahrung ausgerichtet ist.

Hinzu kommt, dass sich die Hinweise auf die Seeker verdichten und die Legende rund um die Kolonisten immer interessanter wird, denn laut historischer Berichte waren sie unzufrieden und wollten die Erde nicht nur verlassen, sondern jeglichen Kontakt danach vermeiden und auf ihrer neuen Welt namens Margolia nicht gefunden werden. Haben sie es bis dorthin geschafft oder sind sie auf dem Weg verschollen?

An dieser Stelle breche ich ab, aber für mich gehört dieser stimmungsvolle Roman, den ich erst kürzlich zum zweiten Mal gelesen habe, zu den zwanzig besten der Science-Fiction. Es ist zwar offiziell der dritte Teil innerhalb der neunteiligen Reihe rund um Alex Benedict. Aber erstens ist er in sich abgeschlossen und für mich der beste; erst danach habe ich mit Die Legende von Christopher Sim sowie Polaris die ersten beide Teile gelesen, die ich ebenfalls toll, aber nicht ganz so spannend finde.

Danach habe ich jedenfalls sehr viel von Jack McDevitt gelesen. Er ist nicht ganz so analytisch strukturiert wie Asimov, nicht so komplex und dicht im Weltenbau wie Simmons, aber sein Sprachstil gefällt mir ebenso wie seine unaufgeregte Art, ein Abenteuer rund um ein Geheimnis aufzubauen. Er ist ja bereits seit 40 Jahren als Autor für Science-Fiction aktiv, hat in den USA viele treue Fans, darunter übrigens Stephen King, veröffentlichte Reihen, Einzelromane, dazu viele Kurzgeschichten und wurde seit 1990 ins Deutsche übersetzt.

Für Die Suche hat er im Jahr 2007 den Nebula- und SESFA-Award erhalten, den er zuvor schon für Die Sanduhr Gottes, den zweiten Roman innerhalb seiner achtteiligen Reihe um Priscilla Hutchins erhielt, in der der faszinierende Kontakt mit Aliens im Zentrum steht. Was ich ebenfalls empfehlen kann: Sein Debüt The Hercules Text von 1986, das hierzulande als Erstkontakt im Jahr 1990 bei Bastei-Lübbe erschien. Ach so: Einfach das Cover ignorieren…

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