Roman
Science-Fiction, Space Opera
Dan Simmons (1989)
Hyperion

Fazit
Als ich irgendwann 1993 an einem Bahnhofskiosk auf Hyperion traf, kannte ich Dan Simmons nicht. Ich war in erster Linie an Fantasy interessiert, hatte gerade Die Saga vom Dunkelelf von R.A. Salvatore beendet und war auf der Suche nach neuen Abenteuern. Und das Cover sah nach Fantasy aus: Mit diesem Schiff vor rosa Wolken wirkte es zwar kitschig, aber die seltsame Gestalt in Stachelrüstung machte mich neugierig. Also las ich mal rein…
…und dachte nach dem ersten Absatz mit Gymnospermen, Rachmaninoff und Stratokumuli: What the fuck? Ich war 20 Jahre jung, auf dem Weg zur Kaserne und wollte einfach nur was wegschmökern. Aber diese Zeilen katapultierten mich in eine Welt, die ich trotz Abi und einer guten (!) 3 in Deutsch, anscheinend in meine Sprache übersetzen muss. Außerdem war es offensichtlich Science-Fiction, während ich auf der Suche nach Fantasy war. Ich war kurz davor, das Buch mit einem verächtlichen Kommentar über intellektuelle Schwurbelei wegzulegen…
…aber das Gelesene hallte nach. Also las ich die Szene nochmal. Worte wie Ebenholzraumschiff und blutergußschwarz, zuckende Blitze und das nahende Gewitter, dann das Läuten und die plötzliche Stille. Diese Sprache flüsterte und knisterte. Der heute 50-jährige Jörg würde seinem jüngeren Ich altväterlich zuraunen, dass schon der Einstieg mit seinen Motiven an Schauerromane erinnert, und dass Dan Simmons über die tausendvierhundertfünfzig Seiten nicht weniger als eine ganz neue Welt gotischer Futuristik erschaffen wird – faszinierend, monumental, unheimlich. Also, Junge, lies das verdammt nochmal!
Das Meisterwerk erkannte ich damals nicht. Doch ich kaufte das Taschenbuch, las im Zug den kompletten Prolog. Und schlief seltsam inspiriert ein. Es entwickelte sich für mich die längste sowie intensivste Beziehung zu einem Roman – es gab sogar eine Scheidung, als ich mich mit einem der sieben Pilger über hunderte Seiten verirrte und fremdelte. Sie sind zusammen auf dem Weg nach Hyperion, um das große Geheimnis um die düstere Gestalt zu lüften, die ich auf dem Cover sah. Damals dachte ich an eine Art dämonischen Paladin, aber das Shrike übertrifft selbst Sauron in seiner unheimlichen Macht.
Die Geschichten der sieben Pilger werden labyrinthisch mit Raum und Zeit verwoben. Vom Tempelritter über Dichter, Offiziere, Priester und eine Detektivin bis hin zum Historiker sind sowohl Archetypen als auch Neulinge der Phantastik an Bord – sogar der englische Romantiker John Keats (1795-1821) ist als KI-Persönlichkeit dabei. Diese Vielfalt zog mich auch als Rollenspieler an, zumal es an Der Herr der Ringe erinnerte, dass sich eine Gruppe tapferer Gefährten auf dem Weg in eine Art galaktisches Mordor befand. Dan Simmons entfaltet ebenfalls ein Epos, aber erzählt ganz anders als Tolkien.
Die Hyperion-Gesänge sind weder eine gemütlich dahin schmauchende Saga noch ein Pageturner mit heroisch siegreichen Helden in Dogfights oder Lasergefechten. Sie sind eher ein Pagedeepener, der geduldiges Lesen, die Lust auf Wortneuschöpfungen und vielleicht ein Faible für Philosophie voraussetzt. Die Lektüre kann auch deshalb anstrengen, weil die Belesenheit des Autors zum Weiterbilden animiert und damit fast ein schlechtes Gewissen angesichts des eigenen Unwissens erzeugt. Also lag das Buch für Jahre unbeendet im Regal.
Bis ich es nach meinem Studium als 30-jähriger wieder entdeckte, nochmal neu anfing und vieles ganz anders einordnen konnte. Nicht nur die ebenso komplexe wie elegante und feinsinnige Sprache von Dan Simmons, auch all die kulturellen und religiösen Bezüge, wie etwa jene zu antiken oder nordischen Sagen über Yggdrasil bis zum All-Wesen. Zusammen mit der Frage nach Moral, Gott und Sinn verleihen sie dem technologischen Fortschritt rund um eine höchste Intelligenz namens TechnoCore, die die Menscheit durch KI berät, ein vertraut mythisches Fundament.
Erst in diesem Alter konnte ich das unheimlich dicht geschmiedete Universum erkennen und die Welt von Simmons so richtig wertschätzen. Sie erfüllt von der Raumschlacht mit riesigen Schiffen, vom Kampf galaktischer Mächte bis zum drohenden Untergang alle Merkmale einer Space Opera. Gleichzeitig erlebt man das Abenteuer einer von KI dominierten Menschheit, die als galaktisches Imperium, auf dem scheinbaren Höhepunkt ihrer Macht, plötzlich im Angesicht des wissenschaftlich Unfassbaren wie ein Kind zusammenschreckt. Dan Simmons hat ein Monster erschaffen, das mich bis heute verfolgt.
Die Hyperion-Gesänge sind in Neuauflage 2013 auf Deutsch bei Heyne erschienen, der Sammelband enthält die ersten beiden Romane Hyperion (1989) und Der Sturz von Hyperion (1990). Die Fortsetzungen Endymion – Pforten der Zeit (1995) und Endymion – Die Auferstehung (1997) sind dort 2014 als Endymion erschienen.













