Roman
Historien-Abenteuer
Herman Melville (1851)
Moby-Dick

Fazit
Meine Güte, wie lange will ich dieses Buch schon in die Schatziste packen? Eigentlich seit Beginn von Spielvertiefung. Aber jetzt gibt es einen Grund zur Veranlassung. Denn meine letzte Begegnung mit Moby-Dick ist nur ein paar Tage her: Ich ruhte mich als Sam Porter Bridges in Death Stranding 2: On the Beach nach einer langen Mission an Bord der DHV Magellan aus. Und dort wurde ich tatsächlich von dem 1851 veröffentlichten Klassiker neben meinem Bett überrascht, den mir der Kapitän zur Lektüre empfahl. Schlägt man ihn auf, wird die Handlung kurz von der Marionette Dollman zusammengefasst:
"Wie der Name schon sagt, handelt es sich um eine Geschichte über einen weißen Pottwal namens Moby Dick. Kapitän Ahab, eine der Hauptfiguren, verwendet eine Beinprothese aus Walknochen als Ersatz für das Bein, das Moby Dick ihm vor langer Zeit genommen hat. Er ist besessen davon, sich an dem Wal zu rächen, den er abgrundtief hasst. Und gleichzeitig leidet er unter den Phantomschmerzen seines verlorenen Beins. Am Ende gelingt es Ahab nicht, Rache an seinem Feind zu nehmen und er wird ins Meer gezogen. Der einzige Überlebende seiner Mannschaft ist Ishmael, der Erzähler des Buches. Er wurde gerettet, nachdem er sich verzweifelt an einen sargförmigen Rettungsring geklammert hatte. Das stimmt. Ein Sarg war seine Rettung. Ironisch, nicht wahr? Es macht den Unterschied, wie Sie etwas verwenden. Die Pequod ist das Schiff, mit dem Ahab Moby Dick auf seinem Rachefeldzug verfolgt. Zu seiner Mannschaft gehören Niederländer, Franzosen, Spanier, Portugiesen, Isländer sowie Schiffskameraden aus China und Indien. Und auch unzählige andere Menschen unterschiedlichster Herkunft. Es ist wohl ein Symbol für die multiethnischen Vereinigten Staaten. Eine Versammlung von Seelen, die ethnische und nationale Grenzen überwindet und in der Verfolgung eines einzigen Ziels vereint ist."
Das war mehr als eine kleine Hommage in einem Videospiel, denn Hideo Kojima hatte seine Sympathie für den Roman schon in Metal Gear Solid V: The Phantom Pain zum Ausdruck gebracht. Der ursprüngliche Trailer wurde 2012 unter einer Produktionsfirma namens Moby Dick Industries veröffentlicht, hinter der sich ein Joakim aka Kojima verbarg – ähnlich wie Melville ist der japanische Spieldesigner bekanntlich ein großer Freund von Symbolen, Metaphern und Mythen.
Wale waren und sind eines der wiederkehrenden Motive in Death Stranding, bis hin zu einem Bosskampf gegen ein riesiges geisterhaftes Exemplar. Und dem Kapitän der Magellan, er heißt Tarman, fehlt zwar kein Bein, aber seine Hand ging nach dem Angeln eines Wals im Meer verloren. Seitdem hat er einen seltsam übersinnlichen Kontakt mit dem Ozean aus Teer, kann seinen Stumpf mit ihm verbinden und sich quasi darin verlieren, was wiederum an die schicksalhafte Verbindung zwischen Ahab und dem Meer erinnert.
Immer wenn ich an Moby-Dick denke, sehe ich als Erstes allerdings nicht Sam, Kojima oder in Zukunft Tarman, sondern Gregory Peck (1916-2003) vor mir: Im schwarzen Mantel samt Schifferkrause und Zylinder verkörperte er 1956 im Film von John Huston wie kein anderer die Gestalt von Captain Ahab. Als ich ihn irgendwann in den 80ern als Jugendlicher im Fernsehen sah, wirkte er auf mich wie die Personifizierung religiös-autoritärer Strenge samt leicht mythischer Aura – heute würde ich vielleicht sagen wie eine Mischung aus Quäker, Abraham Lincoln und Nekromant.
Es war ein eindringlicher, fast zweistündiger Abenteuer-Film, mit starken Bildern, den ich noch heute gerne anschaue. Damals waren meine Lieblingsfiguren der tätowierte Harpunier Queequeg und Starbuck, der neben dem coolen Namen (hallo Kampfstern Galactica!) der mutige und rationale Steuermann ist, der Ahab tapfer entgegen tritt – damit war er einer der Helden meiner Kindheit. Aber mir war so einiges, nein: so vieles nicht bewusst.
Zum Beispiel, dass die Buchvorlage aufgrund der vielen verwobenen Fäden sowie Ausflüge in die Welt von Wissenschaft und Philosophie als unverfilmbar galt. Und dass kein Geringerer als Ray Bradbury (1920-2012) das Drehbuch schrieb, dieses Sprachgenie der Phantastik, der in der Schatzkiste mit Die Mars-Chroniken vertreten ist. Oder dass man die Besetzung mit Peck für Ahab damals kritisierte, weil sein Gesicht zu weiche Züge hatte – angeblich war das mit ein Grund dafür, dass er im Kino kein Hit war.
Oder dass der heute als Meisterwerk geltene Roman bei seinem Erscheinen im Jahr 1851 noch weitaus mehr einstecken musste als der Film und alles andere als erfolgreich war. Denn so gewöhnlich ein Nekromant mit satanischen Tendenzen in der heutigen Gegenwartskultur sein mag, so bizarr und tabubrechend wirkte die in Moby-Dick spürbare Kritik an Tradition, Religion und vor allem Christentum, als Millard Fillmore der 13. Präsident der USA war und das erste Alkoholverbotsgesetz erlassen wurde.
In diesem Roman wurde die westliche Kultur samt Amerika hinterfragt, allerdings nicht immer auf die Art, die man da heute manchmal hinein interpretiert. Das in Kojimas Videospiel lobend erwähnte Multi-Ethnische war durchaus ein Merkmal. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass sich kaum ein Amerikaner des 19. Jahrhunderts die Maloche an Bord eines Walfängers antun wollte. Selbst der Autor Herman Melville (1819-1891) floh ja bei erstbester Gelegenheit auf eine pazifische Insel und schrieb darüber noch vor Moby-Dick die kaum bekannte Geschichte Typee.
Zumal es nur auf den ersten Blick ein klares Gut und Böse gab: Selbst wenn der Weiße Wal ohne romantische Verklärung als Seeungeheuer beschrieben wird, und es keine Kritik an der industriellen Ausbeutung der Meere gibt, steht ihm Ahab als jagendes Monster sehr nah und weicht damit deutlich von klassischen Heldenrollen eines Theseus oder Siegfried ab. Beide wirken nicht wie tierischer Antagonist und menschlicher Protagonist, sondern fast wie archetypisch verwandte Wesen, die schicksalhaft aneinander gebunden sind – wobei Hass, Rachlust und Wahnsinn den Jäger und damit den Menschen weit gefährlicher erscheinen lassen als Moby-Dick und die Pottwale.
Hinzu kam der ungewöhnliche Stil von Melville, der nicht aus einem Guss erzählte, sondern Sprache und Erzählformen wild miteinander verwob – bis hin zur Erfindung neuer Worte sowie eigenwilliger Zeichensetzung. Noch bevor der Seemann Ismael davon berichtet, was er in Nantucket und dann an Bord des Walfängers Pequod erlebt, geht Melville ausführlich auf die Wortbedeutung sowie Herkunft und Erwähnung der Wale ein. Er beginnt diesen Roman mit einem Firmament aus Zitaten, die aus der Bibel, aus Reiseberichten, aus Nachrichten, aus Gedichten, Liedern sowie Lexika stammen, quasi von der Genesis über Milton bis Shakespeare und lokale Nachrichten.
Und das ist erst ein Vorgeschmack auf das, was in den 135 Kapiteln folgt – da kann der Stil so schnell wechseln wie das Wetter auf hoher See. Das ist nicht nur eine Abenteuer-Geschichte über den Walfang, es geht um die verzwickt verworrene Rolle des Menschen in der Welt, um seine Bindungen und Gedanken von der Religion bis zur Philosophie, aus verschiedenen Perspektiven betrachtet.
Von dieser Vielfalt und Tiefe spürte ich allerdings nichts, als ich den Roman das erste Mal als Teenager las. Leider stand er nicht auf dem Lehrplan in der Schule, aber auf einem Flohmarkt erwarb ich für fünf Mark einen gebundenen (yeah!) Moby-Dick und hab ihn zuhause verschlungen. Gerade weil ich den Film bis dahin schon zwei, dreimal gesehen hatte, hab ich all das an Kleinigkeiten gemocht, was dort gar nicht vorkam. Dass ich beim Lesen nicht seekrank wurde, lag allerdings auch an der Ausgabe.
Denn es handelte es sich um schmale 390 Seiten in der Übersetzung von Gerhard Lorenz aus dem Jahr 1965. Sprich: eine gekürzte Ausgabe; die aktuelle vom Hanser-Verlag kommt auf über 860 bzw. 1048 Seiten mit allen Extras. Schon die erste deutsche Version des Romans von Wilhelm Strüver, die 1927 erschien, war extrem gekürzt. Erst 1942 sollte es einen vollständige Übersetzung von Margarete Möckli von Seggern in der Schweiz geben. Die Frage der Übersetzung
Trotzdem gleicht die Behandlung dieses Klassikers einer Irrfahrt samt Auslassungen und Anpassungen, die sich bis hin zum berühmt-berüchtigten Streit über die zwei aktuellen Übersetzungen zieht. Da wäre Moby-Dick von Matthias Jendis im Hanser Verlag aus dem Jahr 2001 und Moby-Dick von Friedhelm Rathjen im Zweitausendeins-Verlag aus dem Jahr 2004; beide gibt es auch als Taschenbuch.
Ich kann sie nicht fundiert, sondern nur oberflächlich mit Whisky vergleichen: Die Übersetzung von Rathgen raucht und brennt so stark im Leserachen nach wie ein Single Malt von den Islays, was wiederum zu Melvilles schottischen Vorfahren passen würde. Ich würde gerne Auszüge präsentieren, aber es gibt keine frei verfügbaren Leseproben. Dagegen wirkt die Übersetzung von Jendis sprachlich harmonischer, fast so wie ein guter Bourbon. Und obwohl ich die Schotten ansonsten bevorzuge, lese ich doch lieber sanfter, was ja fast wieder zu Gregory Peck passen würde.
Wer der Qual der Wahl entgehen will und des Englischen (bis hin zu altertümlichen Dialekten aus Neuengland sowie nautischer Fachkunde) mächtig ist, greift natürlich zum Original. Da wird meist "Moby-Dick – A Norton Critical Edition" empfohlen, herausgegeben von Hershel Parker – inkl. Fußnoten, Biographie sowie Briefen von Melville, als Taschenbuch beim Londoner Verlag Norton erschienen und mehrfach neu aufgelegt, zuletzt 2018.
Und wer so richtig tief in die Welt des Romans abtauchen möchte, dem sei "Moby-Dick – Ein historisch-spekulativer Kommentar" empfohlen, der u.a. von den Kulturwissenschaftlern Markus Krajewski, Harun Maye und Bernhard Siegert seit 2006 zu jedem der 135 Kapitel verfasst und seit 2012 von der Neuen Rundschau veröffentlicht wird. Und genau der soll dieses Jahr als Gesamtausgabe von über 2000 (!) Seiten bei S. Fischer erscheinen.
Oder wollt ihr Moby-Dick lieber spielen? Tja, das wird schwierig. Man könnte ja meinen, dass der Status eines Meisterwerks sowie die Popularität durch all die Filme reichlich analoge oder digitale Spiele hervorgebracht hätten. Aber dem ist nicht so. Zum Roman selbst gibt es kaum Brett- oder Videospiele, vieles davon ist Murks und so manches wurde aufgegeben.
Wie etwa Essex: The Whale Hunter, das 2021 von Ultimate Games S.A. aus Polen als "Walfang-Simulator inspiriert von Herman Melville's Moby-Dick" für PC, PS475, XBS und SW samt Trailer angekündigt wurde, aber nie erschien und dessen Steam-Seite mittlerweile versunken ist.
Eines der wenigen empfehlenswerten PC-Spiele ist Nantucket vom italienischen Studio Picaresque Games aus dem Jahr 2018, das sich mit seiner Mischung aus Strategie und Rollenspiel auf edlen Karten wie ein Brettspiel anfühlt. Man schlüpft in die Rolle von Ismael, dem einzigen Überlebenden des Romans, und versammelt eine eigene Crew um sich, kann Fähigkeiten entwickeln, gegen Piraten kämpfen und Wale bis hin zu Moby Dick jagen. Ach so, angekündigt ist ein humoristisches Action-Adventure namens Moby Dick: A Tiny Tale of Revenge von Stephen Royer.
Last but not least ist meine Empfehlung Under the Waves, das 2023 für PC, PS4/5 sowie XBS erschienen ist und in der Breitseite 9 gut bis sehr gut abgeschnitten hat . Das hat wenig mit Moby-Dick zu tun, aber man taucht in diesem stimmungsvollen Action-Adventure in die Tiefe der Nordsee, mit teilweise unheimlichen Momenten vor tiefen Gräben, die man in ihren Schächten und Höhlen wie Dungeons erkunden kann. Und das Highlight sind die majestätischen Momente, wenn man sich im Angesicht senkrecht schlafender Wale wie ein Wurm fühlt.(Bild: Illustration aus Moby-Dick von 1902, gemeinfrei)













