Roman
Science-Fiction
Ray Bradbury (1950)
Die Mars-Chroniken

Fazit
Wenn ich einen Meister der Sprache benennen müsste, der in wenigen Sätzen eine Atmosphäre aufbauen und eine Szene vor Augen entstehen lassen kann, dann wäre es Ray Bradbury (1920-2012). Ich kann Die Mars-Chroniken immer wieder lesen, in der er fantastische Geschichten über die Kolonisierung des Roten Planeten erzählt, chronologisch geordnet von der ersten Erkundung über die Besiedlung bis zum Ende der Erde. Obwohl sich seit 1950 einiges in der Science-Fiction getan hat, ragt dieses Werk immer noch aufgrund seiner kreativen Ideen und Sprache heraus: Wie sehen Aliens aus? Wie reagieren sie auf den Menschen? Wie verhalten sich die ersten Kolonisten? Wie wird der Mars besiedelt? Die Sammlung sprudelt nur so über vor skurrilen Szenen und markanten Charakteren, verdeutlicht die Ängste und Schwächen unserer Spezies, die oft auf tragische Art dieselben Fehler begeht. Es ging Bradbury ja nie um besonders glaubwürdige Szenarien oder wissenschaftliche Prognosen, er war kein Naturwissenschaftler wie Isaac Asimov, aber dafür ein herausragender Erzähler, der wie kaum ein anderer mit Worten zaubern konnte. Er war schon in seiner Jugend fasziniert von Gauklern und Jahrmärkten, Kinofilmen und Pulp-Magazinen; seine Helden hießen John Carter vom Mars, Buck Rogers oder Flash Gordon. Mit den Mars-Chroniken gelang ihm 1950 der Durchbruch, außerdem sticht seine Dystopie Fahrenheit 453 heraus, in der Feuerwehrleute für Bücherverbrennungen zuständig sind; das ist vielleicht sein reifster Roman, der auf einem Niveau mit George Orwells' 1984 in die Literaturgeschichte einging und dessen Titel er als Widmung auf seinen Grabstein meißeln ließ. Aber selbst in der Gesellschaftskritik beschrieb er magische Momente oder einfach nur besonders intensive Erlebnisse, er konnte zwischen Abenteuer, Humor und Horror mühelos wechseln. Hier reicht natürlich der Platz nicht, um mehr seiner über 600 Geschichten vorzustellen, aber kaum jemand hat schon Zeit seines Lebens so viele Awards und Würdigungen erhalten – bis hin zur Benennung einer Landebahn der NASA. Ich empfehle abschließend die Sammlung Der Illustrierte Mann, in der seine ganze Fantasie in 18 Geschichten spürbar wird; sie wurde von einer Begegnung mit einem am ganzen Körper Tätowierten in seiner Kindheit inspiriert. Darin enthalten ist auch Der lange Regen. Es ist beeindruckend, wie er dort diesen Niederschlag fühlbar macht, der sich mit jedem Tropfen regelrecht durch den Planeten und die Psyche des Expeditionstrupps frisst. Wer Bradbury liest, wird in nur wenigen Zeilen in andere Räume und Welten reisen.Die Mars-Chroniken, Diogenes, 1981/2008.














