Erkundung

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vor 44 Minuten

Flaschenpost #201: Prost, Videospiel-Absurdistan!

Ahoi Abenteurer,

es war einmal, also vor langer Zeit, da liefen Spiele auf Konsolen stabil. Und festhalten: Je geduldiger man wartete, desto günstiger wurden diese wunderbaren Maschinen. Die waren sogar so einzigartig konstruiert, dass sie ganz andere Zauber wirken konnten. Man fühlte sich wie ein Weltenwanderer zwischen Nintendo, Sega und Sony. Zwar war der Eintritt nicht ohne, jedes Spiel kostete ein Schüler-Vermögen, aber da war fast immer dieses schöne Gefühl, nach Press Start etwas wirklich Einzigartiges zu erleben.

Entschuldigung, ich möchte wirklich nicht wie ein Märchenonkel von diesem Früher erzählen, als angeblich alles besser war. Das müsst ihr mir glauben, zumal ich als Spielefresser der 80er und 90er bis heute einer dieser 21st Century Digital Boys bin. Soll heißen: Ich wollte schon immer alles ausprobieren, was sich irgendwo auf Bildschirmen bewegen ließ. Das war digitale Magie für mich. Ich war so gierig, ich wäre am liebsten in die Zukunft gereist. Jetzt beschwere ich mich als älterer Mann also über Abstürze und zu viel von allem.

1995 hab ich den erwähnten Song von Bad Religion jedenfalls mitgesungen, ohne daran zu denken, dass ich vielleicht genau so ein Konsumkind bin, das die Punk Rocker mit der Zeile “I don’t know how to live, but I’ve got a lot of toys” meinten. Das wäre mir ehrlich gesagt auch egal gewesen, denn wenn ich gekonnt hätte, wären PlayStation, Sega Saturn, SNES, Game Boy und natürlich ein PC mit 3dfx-Voodoo-Grafikkarte gleichzeitig in meinem Zimmer gelandet. Frei nach dem Motto: besser haben als brauchen!

Doch Sänger Greg Graffin hat die vermeintliche Kritik an seiner Elektronik und Videospiel verrückten Gegenwart später in einem Interview dementiert. Da fühlte ich mich gleich besser, aber selbst da war ich skeptisch. Vielleicht hat Bad Religion einfach an all die Punk Rocker mit Controller oder Maus und Tastatur gedacht, die ihre Songs auch in Zukunft kaufen sollen? Er sagte:

“21st Century Digital Boy ist eine ironische Wendung, die die Jugend von heute charakterisiert. Die Wahrheit ist: Obwohl der Song bereits 1990 geschrieben wurde, war klar, dass die Jugend von der digitalen Technologie im Guten wie im Schlechten beeinflusst werden würde. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir Videospiele so sehr geliebt haben.“

Tja, ich spule mal vor in die Gegenwart dieses Seniors. Ich finde zwar von TikTok bis Roblox, von Esport-Gedöns bis Live-Service-Kram immer weniger Spielzeug cool. Doch selbst mit Tabus im Alter bleibt die digitale Welt ein Zuhause für mich. Das habe ich vom vergoldeten HDMI-Kabel bis zum heiligen Akt einer Konsolen-Geburt immer geliebt und verteidigt. Aber aktuell fühlt sich das fast an wie der letzte Akt einer tragischen Komödie, die mit tosendem Applaus vor dem Abgrund feiert.

Da wartet das Publikum also auf das spektakuläre Finale mit dem Lichtbringer GTA VI, der am 19. November alles überstrahlen soll. Er steht so über den Dingen, dass er selbst als physische Gestalt keinen Disc-Körper mehr braucht und in voller digitaler Pracht satte 100 Dollar wert ist. Denn in ihm wird sich nach 13 Jahren Sehnsucht (natürlich!) all das manifestieren, wovon man schon als Videospielkind träumte, als man noch an Lianen hing und sich durch Labyrinthe fraß.

Und während sich das eigene Gesicht im Kondenstropfen eines eiskalten German Export Lager namens Pißwasser spiegelt, das man sich in einer Strandbar von Vice City gönnt, während der edel gravierte Revolver nur darauf wartet, dass man blöd angemacht wird, bemerkt man vielleicht im Sonnen durchfluteten 4K-Paradies gar nicht, dass das der letzte anarchistisch-romantische Tusch einer Branche ist, die seit Jahren verfault. Weil sie schon längst zu einem gierigen Monster mutiert ist, das überall überflüssige Menschen ausspuckt.

Ich fühle mich manchmal nicht mehr wie in diesem vom Alltag so weit entfernten Wunderland, sondern wie in einem runter gewirtschafteten Videospiel-Absurdistan mit direkter Anbindung an die dystopische Realität. Man kann das künstliche Lachen des fünften apokalyptischen Reiters schon hören, auf den sich das digitale Business freut. Und die Tech-Okkultisten, die ihn mit ihren Wasser und Speicher fressenden Rechenzentren selbst beschwören, verteuern gleichzeitig die Eintrittskarten für diesen letzten Akt des Heilsbringers GTA VI.

Ist das nicht ebenso böse wie lustig? Die Komödie geht laut einem Social-Media-Analysten schon so weit, dass jemand, der im letzten Juni eine Xbox Series X und Microsoft-Aktien gekauft hat, mit der Konsole, die ja heute kaum einer mehr will, mehr Gewinn machen würde. Denn Microsoft hat die Preise für seine Hardware gerade um 100 bis 150 Dollar erhöht, quasi parallel zum Start der Vorbestellungen von GTA VI, das ja zunächst nur für Xbox und PS5 erscheint.

Als Grund dafür nennen sie, wie alle anderen Publisher von Sony bis Valve, die weltweite Speicherkrise. Der Witz ist nur, dass sie diese selbst als einer der führenden KI-Antreiber mit jedem Bauauftrag befeuern. Davon ist natürlich keine Rede in diesen dahin geheuchelten Floskel-Meldungen, denn gleichzeitig nutzen sie diese Krise schamlos aus, um ihre Fehlentscheidungen auf Management-Ebene zu übertünchen und sich personell auf die üblich asoziale Art aktiennotierter Konzerne zu entfetten. Ist das nicht irgendwie eklig?

Natürlich ist das Verspekulieren von Publishern nichts Neues, aber die Dimension ist heutzutage eine ganz andere. Das erste Spiel, bei dem mir angesichts der Kosten schwindelig wurde, war Shenmue aus dem Jahr 1999, das nach etwa sieben Jahren Entwicklung an die 20 Mio. Dollar verschlang. Aber das war trotz des Desasters für Segas Dreamcast nicht etwa ein Warnschuss für die Branche, sondern eher der Auftakt für immer größere Projekte, die sich bis heute im Budget mehr als Verzehnfachten.

Mittlerweile wird fünf bis sieben Jahre an 200- bis 300-Millionen-Dollar-Spielen gearbeitet, die sich oft noch schlechter verkaufen als eine Dreamcast. Manche wie Concord werden sogar schon vor dem Release eingestampft. Da haben sich ja so einige mit all ihren Studiokäufen, Mega-Produktionen und Umsatzvisionen für ganze Dekaden in einer Spirale hochgeschaukelt und überfressen, von Microsoft bis Sony, von Embracer bis Ubisoft.

Den Preis dafür bezahlen seit Jahren vor allem die zehntausenden entlassenen Angestellten und seit der so genannten Hardware-Krise auch die Spieler an der Kasse. Also warum soll man eigentlich nicht mit einem eiskalten Pißwasser in GTA VI auf diese alte Ära in all ihrer dekadenten Pracht anstoßen? Oder gibt es das etwa nur in der Ultimate Edition?

Rockstar Games wird diese Krise übrigens gar nicht als solche wahrnehmen. Im Gegenteil: Sie werden davon profitieren. Sie werden Rekorde brechen. Und sie werden der Boss der Blockbuster bleiben.

Ich proste ihnen zu, denn auf was wartet selbst ein kritischer 21st Century Digital Boy in all seiner digitalen Gier?

Natürlich auf Red Dead Redemption 3.

Ich wünsche lange Spielzeit und angenehme Bosse

Jörg Luibl


AKTUELLES

Preis und Termin der Steam Machine: Valve wird zwei Modelle seiner PC-Konsole ab 30. Juni anbieten. Die 512-GB-Version für 1.049 Dollar und eine 2-TB-Version für 1.349 Dollar, wobei Letztere zusammen mit dem Steam Controller 1.428 Dollar kostet. Rein technisch erwirbt man damit maximal einen Mittelklasse-Rechner auf dem Leistungsniveau einer PS5, der wie das SteamDeck mit dem Betriebssystem SteamOS läuft. Wer aufwändige Spiele aus seiner Bibliothek im Wohnzimmer auf dem großen Bildschirm erleben will, wird laut erster Rezensionen, u.a. von Digital Foundry, einige Abstriche machen müssen. Valve entfernte daher das Versprechen von “4K Gaming At 60 FPS” von seiner Webseite, denn in den Tests war beides zusammen in aktuellen Spielen wie Cyberpunk 2077 oder Forza Horizon 6 nur erreichbar, wenn man die Grafikanforderungen stark senkte.

(Quelle: Valve, Digital Foundry)

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Grand Theft Auto VI erscheint in zwei Versionen ohne Disc: Rockstar Games wird das Gangster-Epos am 19. November für 79,99 Euro in der Standard- und für 99,99 Euro in der Ultimate-Edition für PS5 und XBS anbieten, wobei sich selbst in der “physischen Version” samt Box keine Disc, sondern nur ein Download-Code befindet. Für viele Fans, wie auch Eike, mit dem ich darüber im Podcast spreche, wirkt das wie eine Preiserhöhung, denn die Ultimate-Edition gilt aufgrund der vielen exklusiven Zusatzinhalte wie Autos, Waffen, Outfits, Modkits, Barber-Shops & Co als erste Wahl. Es handelt sich zunächst um ein Abenteuer für Solisten ohne Online-Modus, der wie in der Vergangenheit später nachgeliefert wird.

(Quelle: Rockstar Games)

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Microsoft hebt Xbox-Preise ab 1. August 2026 an: Nach Sony, Nintendo, Valve & Co verlangt auch Microsoft aufgrund der Speicherknappheit (für die übrigens auch der Bau von KI-Rechenzentren durch Microsoft ein Grund ist) bald mehr Geld für seine aktuellen Konsolen, und zwar je nach Modell zwischen 100 und 150 Dollar. Die Xbox Series S 512 GB wird statt 399,99 dann 499,99 Dollar und die Xbox Series X statt 649,99 dann 799,99 Dollar kosten. Aber wer weiß, vielleicht ist das ja eine Investition in die Zukunft, denn es könnte ja noch teurer werden.

(Quelle: Microsoft)


THEMEN AN BORD

Vorschau: Videospiele im Juli 2026

Ich spreche über die PC- und Konsolenspiele im Juli 2026. Was macht mich neugierig, was lässt mich eher kalt?

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Rezension: Starfield (PS5)

Starfield wurde im April für PS5 veröffentlicht und ich war mit der TV-Serie For All Mankind ohnehin im All unterwegs. Also bekam ich Lust auf die offene Science-Fiction-Welt.


KABINENTRATSCH

Zitate aus dem Discord-Channel von Spielvertiefung. Diesmal geht es um GTA VI, das vorbestellbar ist.

Benchmarc:

Entgegen meines selbst auferlegten Dogmas und jedweder Vernunft, werde ich diesmal nicht nur vorbestellen, sondern auch die Deluxe Edition. Mit den Vice City goodies haben sie mich leider am Haken. Alle 13 Jahre kann man sich das gönnen.

RadiumVader:

Gestern vorbestellt (50 Euro bei französischem Verandhändler ). Ich freu mich schon ziemlich drauf, muss ich sagen. Aber hype hab ich bei Videospielen nur äußerst selten.

Flex-Trex:

Bei mir fährt der Hype Train rückwärts. Liegt aber auch daran, dass mich noch kein Rockstar Game begeistern konnte. Die Grafik Hure in mir wird es wohl aber dennoch in der ersten Woche anspielen, um dann nach 10h gelangweilt wieder aufzuhören.


AUSGUCK

Ich lese gerade:

Gormenghast (Mervyn Peake)

Ich schaue gerade:

The Boroughs (Netflix)

In Planung (siehe Kurs):

Rezension: Gothic Remake (PS5)
Podcast: Kreuzfeuer #2 (Eike)
Podcast: Über die Geschichte Konamis (Paul & Micha)

Spiele im Kielwasser (siehe Vorschau Juni):

The Drifter (SW2), 22. Juni
The Necromancer’s Tale (PC, PS5, XBS), 24. Juni
Star Fox (SW2), 25. Juni

Spiele in Sichtweite (siehe Vorschau Juli):

Assassin’s Creed Black Flag Resynced (PC, PS5, XBS), 09. Juli
Echoes of Aincrad (PC, PS5, XBS), 10. Juli
Battleplan (PC), 14. Juli


ZITAT

“Seit Erfindung der Kochkunst essen die Menschen doppelt so viel wie die Natur verlangt.”

(Benjamin Franklin, amerikanischer Erfinder und Gründervater, 1706-1790)

Kommentar zum Bericht

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