Erkundung | Schöne Aussicht

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vor 4 Stunden

Saros, Carcosa und der König in Gelb

Am 4. Oktober 2021 wurde bei Heritage Auctions in Dallas ein Bild aus dem Jahr 1895 namens The King in Yellow verkauft. Die Zeichnung aus Tinte auf Papier, von einem gewissen Robert William Chambers, sorgte nicht für so viel Aufsehen wie andere Auktionen der Amerikaner, die sich neben Münzen, Malerei etc. auf Popkultur, Film, Comics & Co spezialisiert haben.

chambers king in yellow drawing
The King in Yellow, Bild von R.W. Chambers, 1895, gemeinfrei.

2024 wurde dort z.B. das erste Heft von The Amazing Spider-Man (1963) für 1,3 Mio. Dollar verkauft. Und Frank Frazettas markantes Kriegergemälde Dark Kingdom (1976) brach ein Jahr zuvor mit 6 Mio. Dollar den Rekord aller bisherigen Fantasy-Illustrationen.

Da kann dieser König in Gelb nicht mithalten. Das Motiv mit dem geflügelten Kapuzenmann erinnert ein wenig an ein Plakat oder Poster und prägte 1895 das Titelcover seiner Sammlung von Kurzgeschichten namens The King in Yellow.

Chambers war nicht nur Autor, sondern hatte ein Kunststudium an der Pariser Académie Julian hinter sich. Wer sich für sein Bild samt der handschriftlichen Inschrift auf der Kartonrückwand interessiert, muss zwar kein Multimillionär sein, aber ein gut betuchter Sammler mit einer Leidenschaft für die Phantastik.

Über HA.com kann man den jetzigen Besitzer kontaktieren, falls man ab 17812 Dollar aufwärts investieren möchte. Eine der seltenen Erstausgaben des gebundenen Buchs wäre günstiger, so bis zu 150 Dollar. Darauf wirkt die Gestalt mit blutroten Flügeln vor schwarzem Hintergrund ebenfalls sehr markant – nur fehlen dort die Hinweise auf die Zeichen sowie die Landschaft.

Aber Videospieler können bald noch günstiger im Schatten des gelben Königs reisen, und zwar ab dem 30. April auf der PlayStation 5. Denn Saros ist nicht weniger als eine direkte Hommage an Chambers, seine übernatürliche Welt und seinen König in Gelb, der zwei Jahrhunderte später zu einem Archetyp der Weird Fiction und des kosmischen Horrors avancierte.

the king in yellow
The King in Yellow, Buch von R.W. Chambers, 1895, gemeinfrei.

Die ästhetischen und erzählerischen Bezüge der finnischen Entwickler von Housemarque sind verblüffend.

Man hat fast das Gefühl, dass sie durch das visuelle Tor gehen wollten, das in Chambers’ Zeichnung steckt, um dort ihren eigenen schaurigen Tanz kreischender Bestien und glühender Projektile zu inszenieren, ihre eigene Gothic Arcade Action. Denn das explosive Spielgefühl eines Shoot’em Ups trifft auf eine Welt voller außerweltlicher Megastrukturen, erbaut von einer uralten Zivilisation, deren übergroße Skulpturen an dämonische Riesen denken lassen.

Selbst die Schwingen einer geflügelten Bestie in Trailern erinnern direkt an die Illustration von 1895. Hinzu kommt natürlich eine Story, in der es um Verzweiflung und Wahnsinn im Angesicht einer Sonnenfinsternis geht. Und der König in Gelb scheint allgegenwärtig: Der Name des Protagonisten Arjun bezeichnet im Sanskrit einen indischen Helden und kann mit der Leuchtende übersetzt werden; sein Nachname Devraj bedeutet wiederum König. Aber trotz der Sonne als wichtigem Symbol und reichlich Super Stardust zwischen Hand und Auge, geht es um alptraumhaft geprägte Science-Fiction.

sarosdeluxe
Saros, PS5, Cover der Digital Deluxe Edition.

Wie schon angedeutet, öffnet Saros auch hinsichtlich der Namen und Metaphern eine Tür ins Unheimliche. Und zwar in die Sphäre des American Gothic Horror, denn der ferne Planet heißt Carcosa. Spätestens mit diesem Namen begegnet man den Geistern der Literatur: So hieß 1886 eine fiktive Stadt in der Kurzgeschichte An Inhabitant of Carcosa von Ambrose Bierce. Dort heißt es am Ende:

Ein Chor heulender Wölfe begrüßte die Morgendämmerung. Ich sah sie, wie sie einzeln und in Gruppen auf den Gipfeln unregelmäßiger Hügel und Grabhügel hockten, die die Hälfte meines Wüstenpanoramas ausfüllten und sich bis zum Horizont erstreckten. Und da wusste ich, dass dies die Ruinen der alten und berühmten Stadt Carcosa waren.

Diesen Namen griff Chambers dann neun Jahre später in den ersten vier von zehn Geschichten in seinem Der König in Gelb auf, und zwar in The Repairer of Reputations, The Mask, In the Court of the Dragon und The Yellow Sign. Allerdings bezeichnet es dort ein fiktives Theaterstück, das die Leute bei der Lektüre wahnsinnig werden lässt und aus dem Chambers immer mal wieder zitiert. Hier ein Auszug, der übrigens ein Prolog zu Saros sein könnte:

Entlang der Küste brechen sich die Wolkenwellen,
Die Zwillingssonnen versinken unter dem See,
Die Schatten werden länger
In Carcosa.

Absonderlich ist die Nacht, in der schwarze Sterne aufgehen,
Und fremdartige Monde kreisen durch die Himmel,
Doch fremdartiger ist noch immer
Das verlorene Carcosa.

Diese Verse und die Geschichte dahinter haben wiederum Schriftsteller bis in die Moderne inspiriert, darunter vor allem H.P. Lovecraft. Trotz seiner Kritik an Chambers, der sein Potenzial in dessen Ansicht nicht ausschöpfte, war er so angetan von dessen König in Gelb, dass er sein fiktives Necronomicon einfach als kreative Quelle für Chambers ausgab.

Aber die Anziehungskraft schwappte auch auf moderne Autoren wie Marion Zimmer Bradley oder G.R.R. Martin über. Selbst in der ersten Staffel der TV-Serie True Detective wurde Carcosa zitiert. Und auch dem Creative Director Gregory Louden haben sie es angetan, der ja schon zusammen mit Luke Maulding die Story von Returnal konzipierte.

Der Horror wird im Videospiel noch wesentlich expliziter als in Chambers Erzählungen, wenn sich z.B. ein riesiges Tor malmend öffnet und ein mehrarmiges Monster heraus tritt. Dann lassen nicht mehr nur Super Stardust im Komboflow oder literarische Metaphern grüßen, sondern die Großen Alten von Lovecraft in all ihrem deformierten Terror.

Housemarque hatte nach Returnal offenbar richtig Lust auf diese Art von Gothic Arcade Horror. Und wenn ihr am 30. April mit Arjun loszieht, spaziert ihr auch durch ein Bild des Jahres 1895.

Weitere Hintergründe zu Saros und Housemarque gibt es in dieser Erkundung. Ach so: Wie weit ich mit meiner Rezension bin, erfahrt ihr unter Kurs.

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