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vor 19 Stunden

Schatzkiste: Blackwater: Eine geheimnisvolle Saga (Roman)

Ich freue mich, wenn Verlage versunkene Schätze der Phantastik aufspüren. Immerhin lag diese erstmals 1983 veröffentlichte Geschichte über 40 Jahre am Grund des Blackwater River in Alabama, bevor sie von Andreas Decker für den Festa Verlag übersetzt wurde und 2024 in sechs Teilen als Paperback erschien. Und diese über 1200 Seiten haben mich viele Wochen richtig gut unterhalten.

Das war auch deshalb eine ebenso schaurig wie schöne Überraschung, weil mir Michael McDowell bis dahin kein Begriff war. Und das, obwohl er die Drehbücher für einige TV-Serien und Filme der 80er schrieb, die ich sehr mochte – darunter Amazing Stories, Tales from the Crypt oder Beetlejuce. Das Unheimliche lag diesem Schriftsteller also, der im ländlichen Süden der USA aufwuchs, bevor er viel zu früh im Alter von 49 Jahren verstarb.

Und man merkt dieser geduldig erzählten, von vielen emotionalen Feinheiten sowie Charakterstudien geprägten Saga sehr schnell an, dass ihm das Land und die Menschen sehr vertraut waren. Gleich vorweg: Diese Geschichte gehört zu den gemütlichen, aus denen ab und zu etwas Grausiges auftaucht, bevor es für viele Kapitel verschwindet und der Alltag mit familiären Beziehungen dominiert.

Aber das hat mir gefallen, denn man sieht die Szenen irgendwann vor sich wie in einer TV-Serie. Alles beginnt mit einer Flut im Jahr 1919 in der Kleinstadt Perdido, die gerade mal 1200 Einwohner zählt und von Familienclans dominiert wird. Dazu gehören auch die Caskeys, angeführt von der Matriarchin Mary-Love, die ihren Reichtum den Nachwehen der Sklaverei und der Holzwirtschaft mit ihren Sägewerken verdanken.

McDowell öffnet seinen Vorhang allerdings nicht historisch ausschweifend, sondern angenehm abenteuerlich mit ihrem Sohn Oscar. Er findet in einem überfluteten Hotel eine scheinbar verwirrte Frau namens Elinor. Obwohl das Gebäude längst evakuiert wurde, habe man sie dort vergessen. Seinem schwarzen Diener Bray gefällt diese Begegnung gar nicht, aber er gehorcht und sie retten die ebenso blasse wie attraktive Lady.

So werden geschickt Köder mit Ahnungen ausgelegt, während mich der klare, von Dialogen geprägte Stil fast beiläufig in einen Lesestrudel lockt. Man wird nicht etwa hinein gerissen, sondern über Andeutungen und ruhige Passagen langsam an das Übernatürliche herangeführt, so dass man es für plausibel hält, ohne es richtig greifen zu können. Oscars Mutter Mary-Love rätselt quasi mit dem Leser über Elinor.

Sie ist ebenso misstrauisch wie Bray, aber es kommt trotz ihrer familiären Macht tatsächlich zur Heirat zwischen Oscar und Elinor. McDowell beschreibt die kleinen Seitenhiebe und Intrigen, die Eifersüchteleien und Scheinheiligkeiten in der Familie sehr gut, zu der u.a. Oscars Schwester Frances und sein Onkel James gehören, die sich im Gegensatz zu ihm nicht gegen Mary-Love auflehnen.

Man fühlt sich ein wenig an die Buddenbrooks von Thomas Mann erinnert, zumal es auch um den schleichenden Niedergang einer reichen Familie geht, die in alten Traditionen verharrt und von der Moderne eingeholt wird. In Blackwater fließen quasi ein Gesellschaftsroman mit seiner familiären und sozialen Psychologie und der Southern Gothic mit seinen übernatürlichen Elementen und Schrecken zusammen.

Aus dieser Mischung entsteht allerdings etwas anderes als eine Geschichte, in der es mal in Sümpfen spukt, sondern eine angenehm subtile Art des Grusels mit Andeutungen und Perspektivwechseln, so dass man auch Elinors Sicht nachvollziehen kann. Sie befindet sich quasi in einem Bosskampf mit Mary-Love, der von beiden Seiten auf gnadenlose und überaus manipulative, aber meist gewaltfreie Art ausgetragen wird.

Daher zuckt man regelrecht zusammen, wenn aus dem Grusel plötzlich expliziter Horror wird und man seinen Augen ob der Brutalität nicht trauen will. Dabei erfährt man den Schrecken in all seiner Ambivalenz, denn das Übernatürliche und das Normale, das Monströse und das Menschliche begegnen sich auf seltsamer Augenhöhe, von jeweils egoistischem Eifer und Machtwillen angetrieben.

Als die Moderne sogar den Fluss begradigen will, mit Architektur und Technik, scheinen die so unterschiedlichen starken Frauen, Elinor und Mary-Love, sogar eine gemeinsame Abneigung gegen diesen Eingriff in die wilde Natur zu entwickeln. Aber das sind nur einige Facetten und Konflikte, denn es geht z.B. auch darum, wie Kinder von ihren Eltern konditioniert und für ihre Ziele eingesetzt werden.

Und das Schöne ist, dass McDowell dieses Talent richtig guter Erzähler besitzt, die einen immer wieder überraschen können, mit Spuk und Terror. Blackwater hat seine Längen, aber es ist etwas Besonderes. Ich kann mir übrigens gut vorstellen, dass ein Regisseur wie Michael Flanagan die Saga verfilmen könnte. Aber der hat genug zu tun: Gerade eben hat er Carrie auf sehenswerte Art neu interpretiert und dann ist da ja noch Der Dunkle Turm, auf den ich mich sehr freue.

Apropos Stephen King: Nicht nur er, auch seine Frau Tabitha war sehr angetan von McDowells unheimlichen Geschichten. Als er 1999 verstarb, schrieb sie sogar dessen unvollendeten Roman Candles Burning fertig, so dass er 2006 erscheinen konnte. Auch das ist eine Mischung aus Familiensaga und Geistergeschichte im Süden der USA, die ich gerne mal auf Deutsch lesen würde.

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Blackwater ist beim Festa Verlag auf Deutsch erschienen, die Bände kosten 16,99 Euro.

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