Comic
Hardboiled-Krimi
Brubaker, Phillips (2016)
Criminal

Fazit
Unter all den guten bis sehr guten Comics, die der Amerikaner Ed Brubaker seit 1999 veröffentlicht hat, als er mit Scene of Crime debütierte (mehr dazu in diesem Gespräch mit Christian Endres), ragt eine bemerkenswerte Serie heraus: Criminal. Wie so viele andere Werke wurde sie von seinem kongenialen Partner illustriert, dem Briten Sean Phillips. Was die beiden verbindet ist nicht nur ihre Generation, der eine Jahrgang 1965, der andere 1966, sondern ihr Sinn für Dramaturgie und Ästhetik.
Dieses Traumduo war über viele Jahre so erfolgreich, gewann so viele Eisner Awards, dass sie vom US-Verlag Image im Jahr 2013 sogar einen künstlerischen Freifahrtschein bekamen. Und daran hatte Criminal entscheidenden Anteil. Darin gehen der gnadenlose Alltag, das tragisch Menschliche und die knackigen Dialoge von Brubaker eine nahezu perfekte Symbiose mit den hart schattierten, aber emotional markanten und prägnanten Zeichnungen von Phillips ein.
Hintergrund dieser Comicreihe, die 2006 bei Image mit dem Band Coward debütierte, und die bis heute erfolgreich läuft, ist eine über mehrere Generationen verwobene Welt des Verbrechens, die sich knallhart dem Realismus verschrieben hat. Ohne Superhelden oder Übernatürliches geht es um den kriminellen Alltag in der fiktiven amerikanischen Stadt Center City, in der jeder mit gegenwärtigen Problemen, Geistern der Vergangenheit und Zukunftssorgen zu kämpfen hat.
In der ebenso dichten wie authentischen Darstellung von sozialem Milieu samt Slang, Ehrencodex, Gewalt und Korruption fühlt man sich ein wenig an die Filme von Martin Scorsese erinnert. Auch wenn es nicht um die Mafia geht, pflanzt sich das Verbrechen hier ebenfalls vom Vater auf den Sohn und so weiter fort. Es entstehen Rivalitäten, aber neben Gier und Rache sind familiäre Probleme, finanzielle Verzweiflung sowie Traumata und damit auch die Sozialkritik in Center City dominanter.
Zwar ähnelt das durchaus einer Familiensaga, nur aus mehreren Blickwinkeln, so dass Figuren und Handlungen in späteren Bänden in einem anderen Licht erscheinen. Es geht nicht nur um einen Clan oder die lineare Entwicklung eines Helden, denn Charaktere, Perspektiven und Zeiten wechseln. Nicht etwa willkürlich, sondern verbunden durch die Stadt und gemeinsame Konflikte oder Beziehungen, wobei die Bar Undertow wie eine Art Nexus fungiert, wo sich alle handelnden Figuren immer wieder treffen.
Im ersten Band Coward trifft man z.B. auf den cleveren Kleinkriminellen Leo Patterson, dessen Vater wegen Mordes an einem Teeg Lawless im Gefängnis landete. Seine Familie hatte sich eigentlich mit Taschendiebstahl einen Namen in der Unterwelt gemacht und Leo besitzt ein fotografisches Gedächtnis. Er verabscheut primitive Gewalt oder Schießereien, weshalb ihn manche für feige halten. Dann wird er für einen scheinbar einfachen Raubüberfall engagiert, bei dem alles eskaliert.
Aber warum hat Leos Vater diesen Teeg ermordet? Das erlebt man im zweiten Band namens Lawless, als Tracy, einer der Söhne des ermordeten Teeg aus einem US-Militärgefängnis entlassen wird und nach Center City zurückkehrt. Denn dort ist sein kleiner Bruder Ricky ermordet worden und er will Antworten. Was nach simpler Rache klingt, hat auch tiefere Ursachen im Verhältnis der beiden Brüder sowie der Erziehung ihres Vaters. Hier werden die ersten Fäden verwoben, die über all die Bände ein immer komplexeres Universum des Verbrechens darstellen.
Die ersten Criminal-Geschichten Coward, Lawless und The Dead And The Dying wurden erst kürzlich in einer Deluxe Edition bei Schreiber & Leser ins Deutsche übersetzt, ein weiterer Band ist für 2026 angekündigt. Außerdem startet diesen Herbst die Verfilmung für Amazon Studios, in der Charlie Hunman (Sons of Anarchy) die Rolle von Leo "Feigling" Patterson übernimmt.














