Erkundung
Flaschenpost #195: Moskitos im Nebel
Ahoi Abenteurer,
seid ihr schonmal in diese seltsame Nebelwelt der Unterhaltung geschippert? Ich kenn ihre Koordinaten nicht, aber immer wenn ich mir was einfange und das Immunsystem für zwei, drei Tage die sensorische Führung übernimmt, steuere ich darauf zu. Während es weiße Taschentücher regnet, der Tee dampft und die Maschinen nur auf halber Kraft laufen, liege ich wie ein gestrandeter Wal auf der Couch und kann nicht schlafen.
Also greif ich zum Zauberstab, verwandle das große schwarze Meer in eine bunte Inselwelt und lass mich von der Strömung treiben. Und ich bin immer wieder überrascht, wo sie mich hinführt. Gestern bin ich z.B. an der Moskito-Küste irgendwo in Mittelamerika gelandet, zusammen mit einer Familie, die über Mexiko aus den USA flieht und über zwei Staffeln um ihre Existenz kämpft. Für den Vater, einen genialen Erfinder und Programmierer, ist das ein wunderbares Abenteuer.
Seine Augen funkeln wie die eines Videospielers, der einen Boss herausfordert, als er Hals über Kopf mit Frau und Kindern vor der NSA flieht. Seine Kritik am Kapitalismus ist so elementar, dass er alles an Konsum und den USA verabscheut. Er fühlt sich moralisch überlegen, hat auf alles eine Antwort, verzichtet gleichzeitig auf jegliche Form der Gewalt und wirkt auf den ersten Blick wie ein moderner Superheld, wie eine Art systemkritischer MacGyver.
Während ich zusah, musste ich immer wieder an The Last of Us und Breaking Bad denken. Daran, wie selten Antihelden und Vaterfiguren wirklich prägnant in Videospielen dargestellt werden, mit all ihren Schwächen, ihrem Hang zur Kontrolle und ihrer Besessenheit, die sich oft hinter dem Deckmantel verbirgt, dass man ja nur das Beste für seine Familie will. Wenn man ihn wegreißt, wird aus dem besorgten Helden oft der egoistische Tyrann.
Mit dieser seltsamen Mischung aus Déjà-vus hatte ich gar nicht gerechnet, denn ich kannte die TV-Serie Moskito-Küste nicht, als ich durch Apple TV stöberte. Ich wusste auch nicht, dass sie auf dem gleichnamigen Roman von Paul Theroux beruht, der schon 1981 erschien und bereits 1986 mit Harrison Ford, Helen Mirren und River Phoenix verfilmt wurde. Jetzt muss ich mir den irgendwann mal im Vergleich ansehen. Und den Roman lesen, der vielleicht ein unentdeckter Schatz ist.
Ah, ein Déjà-vu hab ich noch vergessen: Zwischen all dem Drama mit seinen tollen Charakteren verbirgt sich auch ein klein wenig Uncharted samt Dschungel und Seilwinde. Ich bekam sogar Lust drauf, nochmal den vierten Teil zu starten. Aber weil man in dieser diffusen Nebelwelt meist von einem unbekannten Ufer zum anderen schwappt, steuerte ich danach den Weltraum an und installierte tatsächlich Starfield auf der PS5.
Kurz bevor ich auf der Couch einschlief, dachte ich mir noch, dass es zwischen Spieler und Entwickler ja auch irgendwie um einen Deckmantel und die Frage geht, was sich dahinter verbirgt. Folgt man nicht wie ein neugieriges Kind der Vision eines erfindungsreichen Vaters, der von einem genialen Abenteuer spricht? Und erschreckt man sich nicht manchmal, wenn einen der kreative Tyrann durch seine Korridore treibt?
So, jetzt werde ich erstmal fit und dann mal sehen, ob das mit Bethesda eine Bruchlandung wird oder eine Odyssee.
Ich wünsche lange Spielzeit und angenehme Bosse
Jörg Luibl
AKTUELLES
James Ohlen berichtet vom Burnout: Der Ex-Lead-Designer von Baldur’s Gate 2 und Gründer von Archetype Entertainment verließ sein eigenes Studio letztes Jahr aufgrund der gesundheitlichen Belastung. Die Arbeit am ambitionierten SciFi-Rollenspiel Exodus, das einiges mit Mass Effect gemeinsam hat, habe ihn “fast umgebracht”, als er sowohl die finanzielle als auch kreative Leitung hatte. „Man muss ständig das Kind in zwei Hälften schneiden und sich ständig mit Leuten herumschlagen, die deine Vision angreifen.“ Die Kooperation mit SciFi-Autor Peter Hamilton war wohl ebenso schwierig wie jene mit Publisher Wizards of the Coast. Mittlerweile arbeitet er an Pen&Paper-Abenteuern für seine Firma Arcanum Worlds mit Jesse Sky und Drew Karpyshyn, ebenfalls Ex-BioWare-Entwickler. Zu den ersten Veröffentlichungen gehörte Odyssey of the Dragonlords, das von griechischer Antike inspirierte Fantasy mit D&D-Regeln der 5. Edition inszeniert.
(Quelle: Interview bei PC Gamer)
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The Talos Principle III angekündigt: Croteam will den Abschluss des futuristischen Puzzle-Adventures 2027 für PC und PS5 veröffentlichen. Man erwacht an einem Ort namens Anomalie zwischen verlassenen Ruinen und Forschungsstationen, ohne genau zu wissen, warum man dort ist und löst physikalische Rätsel in Egosicht. Auch diesmal geht es um philosophische Fragen rund um die menschliche Existenz, während man durch das Weltall reist und über ein dutzend Planeten besucht. Ich freu mich sehr darauf, denn der Vorgänger war mein Spiel des Jahres 2023.
(Quelle: Pressemitteilung Devolver Digital)
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The Necromancer’s Tale am 24. Juni für Konsolen: Es geht in diesem narrativen Rollenspiel in klassischer Draufsicht auf PS5, XBS und SW2 um Okkultismus, Magie und Untote. Das Spiel von Psychic Software aus Irland erschien 2025 auf dem PC und erhielt mit seiner Gothic-Story rund um ein Zauberbuch im 18. Jahrhundert gute Kritiken. Man muss den eigenen Wahnsinn managen und trifft auf über 150 Nebencharaktere, die man für seine Zwecke einsetzen oder manipulieren kann, indem man Vertrauen aufbaut. Sollte es zum Kampf kommen, taktiert man rundenbasiert in einem Raster.
(Quelle: Pressemitteilung Silver Lining Interactive)
THEMEN AN BORD
Schatzkiste: Fiebertraum (Roman)
Nachdem mit Android: Netrunner kürzlich ein Sammelkartenspiel hinzu kam, folgt jetzt ein herausragender Vampir-Roman von G.R.R. Martin, der rund um den Mississippi auf einem Dampfradschiff spielt.
Rezension: Strange Antiquities (PC, PS4/5, SW)
Ich bin ein großer Freund von rätselhaften Spielen, die sowohl eine Geschichte erzählen als auch zum Entdecken, Tüfteln und Kombinieren anregen. Und das gelingt diesem Puzzle-Adventure auf schaurig gemütliche Art.
KABINENTRATSCH
Zitate aus dem Discord-Channel von Spielvertiefung.
erugaming77 über Pragmata:
Ich habe Expedition 33 eine Woche früher als geplant pausiert. Für Pragmata. Was für ein unglaublich tolles Spiel. Meine beiden “realen” Töchter sind 5 und 7. Dianas Verhalten, ihre Neugier und Herzlichkeit sind sowas von “auf den Punkt”.
Chefreak über Pragmata:
Endlich ein SciFi- Kampfsystem, welches richtig richtig gut ist und nicht “nur Shooter”. Es belohnt Taktik und bietet verschiedene Spielstile an. Dazu bin ich begeistert von den Bosskämpfen: Episch ist eine Untertreibung. 2. Sie nehmen ihr Setting ernst. Das Leveldesign finde ich hervorragend.
CrsRoKk über Pragmata:
Das ist mitunter sogar einer der größten Errungenschaften, dass Pragmata aufzeigt, dass es sich lohnt in neue IPs und Ideen zu investieren. Mut, den ich mir wieder deutlich stärker von den großen Playern in der Branche und allen voran von den PlayStation Studios wünschen würde.
AUSGUCK
Drei Themen in Planung (siehe Kurs):
Breitseite #23: Sechs Spiele, sechs Kritiken
Podcast: Sense of Wonder
Rezension: Starfield (PS5)
Drei Spiele im Kielwasser (siehe Vorschau Mai):
Indiana Jones und der Große Kreis (SW2), 12.05.
Space Haven (PC), 13.05.
Outbound (PC, PS5, XBS, SW2), 14.05.
Drei Spiele in Sichtweite (siehe Vorschau Mai):
R-Type Dimensions III (PC, PS5, XBS, SW/2), 19.05.
Thick as Thieves (PC), 20.05.
Yoshi and the Mysterious Book (SW2), 21.05.
ZITAT
„Früher hatte ich an Vater geglaubt, und die Welt erschien mir sehr klein und alt. Dann war er fort, und nun glaubte ich kaum noch an mich selbst, und die Welt war grenzenlos.“
(Paul Theroux, im Roman: Moskito-Küste)












1 Kommentar
Danke für die Flaschenpost und die Erinnerung, dass ich die zweite Staffel der Serie noch gucken muss. Gute Besserung!