Rezension
Rezension: Strange Antiquities (PC, PS4/5, SW)
Ich bin ein großer Freund von rätselhaften Abenteuern, die sowohl eine Geschichte erzählen als auch zum Entdecken, Tüfteln und Kombinieren anregen. The Talos Principle 2 und Blue Prince waren meine Spiele des Jahres 2023 sowie 2025. Beide haben das klassische Puzzle-Adventure auf ganz unterschiedliche Art bereichert. Eines hatten sie jedoch gemeinsam: Kaum löste man die ersten Rätsel, öffneten sich Türen zu einem immer größeren Geheimnis, das ich unbedingt lüften wollte. Warum das auch Strange Antiquities auf schaurig gemütliche Art gelingt, versuche ich in der Rezension zu erläutern.
Das Auge des Cernunnos
Habt ihr schonmal etwas vom Auge des Cernunnos gehört? Ich hab es zwar im Lexikon der keltischen Religion und Kultur von Bernhard Maier nicht gefunden. Aber dort steht immerhin, dass Cernunnos ein Gott war. Vieles von seinem religiösen Kult bis hin zur Bedeutung seines Namens ist jedoch unklar. Oft wird er als der Gehörnte, Gott der Tiere oder der Natur bezeichnet, weil er auf einem Monument aus der Zeit des römischen Kaisers Tiberius (14-37 n.Chr.) erstmals benannt wird und die Ohren sowie das Geweih eines Hirsches trägt. Und manche Felszeichnungen sowie archäologische Artefakte lassen vermuten, dass ein keltischer Gott dieser Art schon viele Jahrhunderte früher verehrt wurde.
Wird er z.B. auf dem berühmten Kessel von Gundestrup dargestellt, den man im 19. Jahrhundert in Nordjütland gefunden hat? Er besteht aus Silber, zeigt mehrere Figuren, Tiere und Krieger, die keltische Kriegstrompeten tragen und vielleicht einem gehörnten Gott Menschen opfern. Allerdings gibt es über den Ursprung und die Bedeutung des Kessels mehr als ein halbes Dutzend historische Thesen von Gallien bis zum Schwarzen Meer. Darunter z.B. germanische Stämme als Auftraggeber thrakischer Handwerker oder die Vermutung, dass die Gestalt nicht etwa Cernunnos, sondern eine Art Vorläufer des irischen Helden Cú Chulainn zeigt, über den erst im mittelalterlichen Ulster-Zyklus erzählt wurde.
Spurensuche des Thaumaturgen
Tja, wenn man doch einen kompetenten Thaumaturgen fragen könnte! Der könnte das Material und die Symbole aus einer ganz anderen Perspektive einschätzen, anhand seiner okkulten Kompendien alles in einem praxisnahen kultischen Kontext betrachten und nicht zu vergessen seine Sinne einsetzen. Er könnte vielleicht uralte Geräusche von Gesang hören oder mit seinen Fingerspitzen das Relief nachzeichnen, um Gefühle wie Angst oder Gier wahrzunehmen. Und welche magischen Felder würde seine thaumische Linse wohl offenbaren? Vielleicht selenische oder draedische, diurnische oder noctische, mentische oder wyxische Schwingungen?
Falls euch das verwirrt, seid versichert, dass die Spurensuche in Strange Antiquities ganz einfach und gemütlich anfängt, ohne dass man über eine esoterische Ausbildung verfügen müsste. Irgendwann kann man jedenfalls das erwähnte Auge des Cernunnos untersuchen, das einen kugelförmigen grünen Edelstein in einem Gestell aus poliertem dunklen Holz zeigt.

Nur weiß man zunächst gar nicht, was man da vor sich hat, wenn es einem von Simone Green als Belohnung dafür geschenkt wird, dass man ihr bei einem Problem hilft. Die Spielmechanik besteht darin, jeden Tag einer bestimmten Anzahl von Kunden bis zum Ladenschluss zu helfen, die einen in Form eines Artefaktes entlohnen.
Okkulte Analyse
Man bekommt also kein Geld, sondern meist ein unbekanntes Objekt. Man muss dann alle äußeren und übersinnlichen Indizien zusammen führen und sie mit Informationen aus seinen Büchern vergleichen, um es korrekt zu benennen. Wenn man z.B. irgendwo liest, dass das Auge des Cernunnos auch Auge des Waldes genannt wird und seinem Besitzer ermöglichen soll, die Gedanken niederer Kreaturen zu lesen, wäre das ein erster Hinweis. Dann stöbert man im Kompendium der Edelsteine und findet für die Farbe Grün einen weiteren; auch das Holz kann helfen. Alle Objekte in Strange Antiquities lassen sich aufgrund des Tastsinns, von Farbe und Komposition, Geruch und Klang sowie der inneren Wahrnehmung untersuchen.
Das Spiel von Bad Viking erschien ja schon im September 2025 für PC und Switch, wurde im April 2026 auch für PlayStation veröffentlicht und kostet knapp 15 Euro. Ich habe schon den Vorgänger Strange Horticulture im Jahr 2022 gerne auf der Switch gespielt und in der ersten Breitseite vorgestellt. Das war ebenfalls ein Adventure mit okkultem Flair, in dem man eigentlich nur fiktive Pflanzen sammelt, identifiziert und verkauft. Es entwickelte allerdings mit kleinen Rätseln, mysteriösen Gestalten und Zwischenfällen in Quests sowohl eine detektivische als auch erzählerische Anziehungskraft.
Nebenjob im Rätselshop
Und genau die wird jetzt durch das Thema der Antiquitäten nochmal so verstärkt, dass ich kaum aufhören konnte, die Regale mit Amuletten, Totems und Schädeln zu füllen. Man schlüpft in die Rolle eines angehenden Thaumaturgen und führt einen kleinen Laden in der Stadt Undermere. Den soll man für den stets verreisenden Besitzer eigentlich nur als Aushilfe hüten. Das klingt zusammen mit der auf der Theke schlafenden Katze wie eine so ruhige Sache, dass man direkt eine Tasse Tee aufsetzt. Aber schon bald schleicht sich mit den Kunden etwas Unheimliches an, das sich wie eine dunkle Wolke um den Laden herum aufbaut, die irgendwann zu einem unheimlichen Gewitter wird.

Denn die britischen Brüder Rob und John Donkin haben nicht nur die gediegene Kulisse ihres Independent-Adventures weiter verfeinert, inklusive vergilbter Zeichnungen und einer schönen Stadtkarte, sondern auch die Dramaturgie verbessert. Natürlich ist das kein Spiel für Freunde opulenter Kulissen, aber der Zeichentrickstil ist ansehnlich, die Soundeffekte von Regen bis Donner sind stimmungsvoll und die Steuerung ist auch auf der Konsole präzise. Was jedoch noch wichtiger ist: Von Anfang an schaut man sich neugierig um, denn der Laden ist quasi selbst eine Rätselschatulle mit diversen Schubladen, Zetteln und verborgenen Mechanismen.
Mit der Lupe auf der Stadtkarte
Sie öffnet sich nur langsam, denn die oben erwähnte thaumische Linse muss man z.B. erstmal finden, indem man ein Puzzle mit Holzplättchen löst. Allerdings hat man alle Teile dafür frühestens am 10. Tag seines Aushilfsjobs gefunden. Kaum bekommt man diese Linse, ist sie selbst ein geheimnisvoller Apparat, den man richtig bedienen muss. Aber nicht nur der Laden, auch die Stadt sowie die Umgebung von Undermere wird recht geschickt in die Story sowie das Rätseln eingebunden, denn die Kunden sind meist Bewohner, haben einen Beruf und ein Zuhause, das auf der vergilbten Stadtkarte dargestellt wird.

Sie hat mich angenehm an Pen&Paper-Rollenspiele erinnert, bietet 32 markierte Orte und man kann sie mit einer Lupe vergrößern. Das ist nützlich für die Suche nach speziellen geometrischen Formen auf der Karte, die meist Teil von Bilderrätseln sind, die man am Ende eines Tages bekommt. Dann sieht man nur Umrisse eines Gebäudes und muss es finden. Manchmal bekommt man auch vage geografische Hinweise auf einen Ort an der Küste. Und das Beste ist, dass man Orte auch so per Klick besuchen und zufällig etwas finden kann. Es gibt übrigens weitere Karten, auf denen Symbole gekritzelt oder Orte markiert sind, die neugierig machen.
Verzeihlich, aber mit acht Enden
Eine Schwäche von Strange Antiquities ist vielleicht seine Verzeihlichkeit von Fehlern. Falls man falsche Schlüsse bei der Identifikation eines Artefaktes zieht, sinkt zwar ähnlich wie in den Rollenspiel-Welten von Cthulhu die geistige Gesundheit, was auf einer Anzeige dargestellt wird. Das wirkt zunächst durchaus bedrohlich, allerdings sind die Konsequenzen hier nicht wirklich schlimm. Denn selbst wenn man des Öfteren scheitert und gegen den Wahnsinn kämpfen muss, kann man sich mit einem recht simplen Würfel-Minispiel retten. Andererseits passt das natürlich besser zum gemütlichen Ansatz dieses Adventures und ist mir in diesem Fall lieber als die Roguelike-übliche Sackgasse des Todes mit Wiederholungszwang.

Und genauso wie sich all die erwähnten Knobel-Interaktionen langsam steigern, wird parallel die Story durchaus interessant. Denn aus düsteren Vorzeichen samt geheimnisvoller Reiter und Toter verdichtet sich eine Schauergeschichte rund um das Schicksal der Stadt, das man selbst mit seinen Entscheidungen in Dialogen sowie im Kontakt mit den Bewohnern auf eines von acht Enden hin beeinflussen kann. Da geht es vor allem um die Frage, wie man den Kunden hilft, welche Artefakte man ihnen empfiehlt und wer von ihnen letztlich überlebt, wahnsinnig oder gerettet wird. Das ist zwar kein moderner oder expliziter Horror, aber Freunde des Gothic Horror und von Spukgeschichten sollten auf ihre Kosten kommen.
FAZIT
Strange Antiquities hat mich als Puzzle-Adventure sehr gut unterhalten. Es bietet einen wunderbaren Rhythmus aus Knobelei und Erkenntnis, aus Andeutungen und Erzählung, der vor allem in seiner fortschreitenden Gemächlichkeit besticht. In diesem Fall ist sie überaus motivierend, denn man entdeckt immer mehr verborgene Schubladen und Funktionen, die selbst mit der Uhr des Ladens zu tun haben, während man Land und Leute sowie die okkulte Analyse von Artefakten langsam kennen lernt. Man eignet sich in knobelnder Gemütlichkeit immer mehr Wissen an, schlägt in Büchern nach, experimentiert mit Apparaten und muss zur Identifikation wie ein Detektiv des Übernatürlichen all seine Sinne einsetzen. Zwar muss man bei falschen Schlüssen nicht so viel befürchten wie der Wahnsinn suggeriert, aber das passt letztlich zum entschleunigten Ansatz dieser Art von Adventure. Und man spürt nicht nur den Fortschritt bei der Recherche, sondern auch wie sich die düsteren Wolken um Undermere über zehn bis zwölf Stunden zu einem unheimlichen Gewitter bis ins Finale verdichten, das man mit seinen Entscheidungen beeinflussen kann. Glückwunsch an die Brüder Rob und John Donkin, die sich damit spielmechanisch und dramaturgisch gegenüber dem ebenfalls unterhaltsamen Strange Horticulture eine Klasse gesteigert haben.











