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vor 5 Tagen

Flaschenpost #193: Gothic Arcade Horror

Ahoi Abenteurer,

ich habe einigen Videospielen schon immer gerne zugehört und sie aus der Ferne betrachtet. Also ließ ich sie manchmal einfach so laufen, legte den Joystick zur Seite, ließ mich berieseln oder zeichnete etwas ab. Während der fast mystische Soundtrack von Shadow of the Beast aus den Boxen des Amiga schallte, spazierte ich auf seltsame Art inspiriert durch mein Zimmer, kritzelte monströse Kreaturen (natürlich mit Klauen und Reißzähnen!), las danach weiter in Die Augen des Drachen oder im Schwert von Shannara.

Aber die gemütliche Fantasy von Terry Brooks konnte dieser außerweltlichen Anziehungskraft von Art- und Sounddesign im Spiel von Psygnosis von 1989 nicht gerecht werden. Und wenn ich ehrlich bin, konnte es die recht simple Spielmechanik des seitwärts scrollenden Kampf-Plattformers von Reflections Interactive auch nicht. Trotzdem musste ich 2016 das Remake auf der PS4 spielen und hab mich gefreut, dass man den Klassiker darin freispielen konnte. Das modernisierte Gemetzel war ebenfalls maximal solide, aber die schönen Erinnerungen an diese Zeit waren es mir wert.

Ende der 80er versprachen Cover von Spielen ja ohnehin weit mehr als man auf dem Bildschirm erlebte. Und die Box von Shadow of the Beast war herausragend illustriert: Der britische Künstler Roger Dean traf mit seinen saurierartigen Bestien meinen ästhetischen Nerv. Was ich nicht wusste: Er nahm darin etwas von dem im Figurendesign vorweg, was ich in den 90ern an den Comics von Simon Bisley schätzen sollte. Und das Spiel deutete einiges von dem in der Regie an, was ich ab den 2000ern in der immer spürbareren Symbiose von digitaler und analoger Phantastik schätzen sollte.

Auf jeden Fall wuchs das, was mal weit weg von Museen oder Bibliotheken in der Spielhalle begann, schon auf dem Amiga, NES & Co mit der Kultur aus Literatur, Musik und Kunst zusammen. All das brauchte seine Zeit, um zu wachsen und sich zu verdichten. Aber heute kann man tatsächlich das Gefühl haben, dass die explosiven Space Invaders auf das außerweltliche Grauen eines H.P. Lovecraft treffen, dass die pure Hand-Auge-Koordination der Arcade-Moderne auf die alte Anziehungskraft des Gothic Horror trifft, ohne dass all das im kosmischen Trash der Gegensätze implodiert.

Wenn das passiert, fühlt sich das verdammt gut an. So als wäre man Zeitzeuge einer kreativen Evolution, die man selbst mal herbei gesehnt hat. Und dann jagt man plötzlich zwischen Bestien im kunterbunten Partikelgewitter, fast wie ein Raumschiff mit Lasern und Smartbomb, während der Wahnsinn in der Geschichte langsam um sich greift und die Sonne wie in einem alptraumhaften Gemälde versinkt. Man ist gleichzeitig in der Spielhalle, in der Bibliothek und im Museum.

Saros ist so ein Spiel, für das ich den Controller staunend zur Seite lege, um mich von der Ausdruckskraft einer digitalen Welt berieseln zu lassen.

Ich wünsche lange Spielzeit und angenehme Bosse

Jörg Luibl


AKTUELLES

Der Film zu Elden Ring startet am 3. März 2028: Ob Regisseur Alex Garland die Faszination der Zwischenlande im Kino einfangen kann? Ich werde mir das natürlich ansehen, aber bin trotz der Erfahrung des Briten, der übrigens auch das Drehbuch schreibt, eher skeptisch. Bisher stehen in seiner Vita u.a. Science-Fiction-Streifen wie Ex Machina, Auslöschung oder Civil War. Auf jeden Fall investieren Lizenzinhaber Bandai Namco und die Independent-Filmproduzenten von A24 (The Green Knight, Marty Supreme) eine Rekordsumme an Geld sowie einiges an Prominenz in diese Leinwandadaption, die weltweit Interesse wecken dürfte. Immerhin hat sich das Action-Rollenspiel von FromSoftware seit seinem Start im Jahr 2022 über 30 Mio. mal verkauft. Von mehr als 100 Mio. Dollar an Budget ist die Rede, zu den Schauspielern gehören u.a. Kit Connor (Warfare, Heartstopper), Ben Whishaw (Skyfall, Paddington), Cailee Spaeny (Alien: Romulus, Civil War), Tom Burke (Furiosa: A Mad Max Saga, Black Bag – Doppeltes Spiel), Havana Rose Liu (Bottoms), Sonoya Mizuno (Ex Machina), Jonathan Pryce (Die zwei Päpste), Ruby Cruz (Willow, Bottoms) und Nick Offerman (The Last of Us). Ich wünsche dem Team viel Glück, die Dreharbeiten laufen bereits in Großbritannien und sind auf 100 Tage angesetzt.

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Xbox statt Microsoft Gaming: Nach dem Austausch der Führung werden auch die Begriffe gewechselt. Unter der neuen Geschäftsführerin Asha Sharma, die zuvor für die KI-Abteilung zuständig war, heißt die digitale Unterhaltungssparte nicht mehr Microsoft Gaming, wie seit 2022 unter Vorgänger Phil Spencer, der damit während der Übernahme von Activision Blizzard alle Spielebereiche vereinen wollte. In Zukunft soll mit dem neuen 3D-Logo samt Glaseffekt die Marke Xbox als Identifikationsbegriff gestärkt und die Erwartungen der Spieler besser berücksichtigt werden. Das dürfte sich für Fans der Konsole angesichts der bisher erkennbaren Strategie der Auflösung hin zum reinen Produkt neben Windows wie ein später Rettungsversuch anhören, zumal man auch die steigende Preise, den geplanten KI-Einsatz sowie die Multiplattform-Entwicklung bis hin zu PlayStation-Versionen kritisierte. Immerhin hängen in den Büros in Redmond nicht nur Banner mit “Return of Xbox”, man ändert bereits einiges im Kleinen: Kommende Call of Dutys sollen nicht wie angedacht im Game Pass verfügbar sein, das Ultimate-Abo wird günstiger und eine Starter-Edition soll in Kooperation mit Discord angeboten werden. Unter Xbox werden jedenfalls die vier Bereiche Dienste, Hardware, Inhalte und Nutzererlebnis vereint, wobei man die kommende Konsole “Project Helix” als Fundament betrachtet, Cloud-Gaming für alle Systeme anbieten und vor allem die Zahl der täglich aktiven Nutzer zum Maßstab für Erfolg machen will. Angeblich werden auch größere Änderungen diskutiert: Kehrt man vielleicht zur rein exklusiven Entwicklung von Spielen für Xbox zurück? Mal abwarten.

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Assassin’s Creed Black Flag Resynced am 9. Juli: Ubisoft wird das Piraten-Abenteuer im Sommer für PC, PS5 und XBS veröffentlichen. Dabei handelt es sich um ein Remake des Action-Adventures, das in den Studios in Singapur auf Grundlage der Anvil Engine komplett neu entwickelt wird. Dabei geht es nicht nur um Raytracing sowie Rendering & Co, so dass Texturen, Spiegelungen, Wetter und Wasser besser aussehen und bis zu 60fps möglich sind, sondern auch um spielmechanische Änderungen hinsichtlich der Kämpfe, in denen Paraden spürbarer zur Geltung kommen und neue Finisher integriert werden sollen. Schließlich sollen auch die Akrobatik und das Schleichen von neuen Bewegungen wie manuellen Richtungswechseln oder unauffälligem Tauchen profitieren. Auf der PS5 werden Controller-Haptik und 3D-Audio sowie Pro-Technik unterstützt.


THEMEN AN BORD

Saros, Carcosa und der König in Gelb

Das Motiv mit dem geflügelten Kapuzenmann prägte 1895 das Titelcover einer Sammlung von Kurzgeschichten namens The King in Yellow. Was hat das mit Saros zu tun?

Das Mittelalter ruft: Fünf aktuelle Spiele

Das Mittelalter war schon immer Teil der Spielkultur, von Defender of the Crown bis Medieval Total War – ein Blick auf fünf aktuelle Spiele, von der Manuskript-Werkstatt über das Management der Tafelrunde bis zum Siedlungsbau.

Über die Geschichte Capcoms

Ich spreche in im freien Podcast mit Paul Kautz über die Geschichte von Capcom, von 1942 und MegaMan bis Street Fighter, Resident Evil und Monster Hunter.


KAPITÄNSKAJÜTE

Was lese ich gerade:

Der letzte König von Osten Ard Band 4: Die Kinder des Seefahrers 1 (Tad Williams)

Was schaue ich gerade:

For All Mankind (Apple TV)

Was spiele ich gerade am Tisch:

Sorcery (Sammelkartenspiel)


AUSGUCK

Drei Themen in Planung (mehr unter Kurs):

Rezension: Saros (PS5)
Podcast: Über Saros (Ben)
Rezension: Sorcery (Sammelkartenspiel)

Drei Spiele im Kielwasser (mehr in der Vorschau April):

Pragmata (PC, PS5, XBS, SW2), 17.04.
Master of Albion (PC), 18.04.
Tides of Tomorrow (PC, PS5, XBS), 22.04.

Drei Spiele in Sichtweite (mehr in der Vorschau April):

Aphelion (PC, PS5, XBS), 28.04.
Will Follow The Light (PC, PS5, XBS), 26.04.
Saros (PS5, 30.04.)


ZITAT

„Seltsam ist die Nacht, in der schwarze Sterne aufgehen. Und seltsame Monde durch den Himmel kreisen. Doch seltsamer ist noch immer, das verlorene Carcosa.”

(Robert W. Chambers, Der König in Gelb, 1895)

Kommentar zum Bericht

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